https://www.faz.net/-gq5-7sxu7

Gaza-Konflikt : Vertraute Eskalation

Israelische Panzer fahren an der Grenze zum Gazastreifen auf. Bild: REUTERS

Eine neue Eskalation im Gazastreifen ist kaum noch stoppen: die Hamas feuert wieder Dutzende Raketen ab, die israelische Luftwaffe nimmt auch deren Militärchef ins Visier. In Jerusalem wird über eine weitere Bodenoffensive diskutiert.

          Fast hatten sich die Menschen in Gaza und Israel daran gewöhnt. Auf Feuerpausen folgte in den vergangenen Wochen immer wieder ein kurzes Raketenfeuerwerk. Wenig später wurde dann wieder in Kairo verhandelt. Dieses Mal aber legten beide Seiten ihre bisherige Zurückhaltung ab und entschieden sich für eine militärische Eskalation, die sich nur noch schwer stoppen lässt: Die Hamas wartete nicht einmal mehr das Ende der Waffenruhe um Mitternacht ab, der ihre Unterhändler noch in der Nacht zum Dienstag zugestimmt hatten.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Seit Dienstagnachmittag feuerte sie innerhalb von 24 Stunden mehr als 80 Raketen ab – nicht nur auf den Süden Israels, sondern auch auf die Großstädte des Landes. Nach Angaben der Hamas nahm der bewaffnete Arm auch wieder den internationalen Ben-Gurion-Flughafen ins Visier. Über Jerusalem, das im Vergleich zu Tel Aviv während des Krieges weniger häufiger angegriffen worden war, fing das Abwehrsystem „Eiserne Kuppel“ eine Rakete ab.

          Ehefrau und Sohn von Hamas-Militärchef getötet

          Mit dieser neuerlichen Ausweitung der Kampfzone reagierten die bewaffneten Islamisten insbesondere auf einen israelischen Luftangriff: Im Viertel Scheich Radwan hatte die israelische Luftwaffe das Haus bombardiert, in dem die Armee den Militärchef der Hamas Mohammed Deif vermutet hatte. Laut Presseberichten wurden dabei dessen Ehefrau und ein sieben Monate alter Sohn getötet. Die Identität eines dritten Toten war zunächst noch nicht geklärt.

          Tausende Palästinenser nehmen an der Trauerfeier für die getötete Ehefrau von Hamas-Militärchef Deif und deren sieben Monate alten Sohn teil Bilderstrecke

          Der israelische Innenminister Gideon Saar verteidigte am Mittwoch im Armeerundfunk die Militäraktion. Deif sei ein „legitimes Ziel“ und habe wie der frühere Al-Qaida-Führer Usama Bin Ladin „den Tod verdient“. Am Nachmittag sollte das israelische Sicherheitskabinett tagen. Zu den Themen auf der Tagesordnung könnte auch eine weitere Bodenoffensive gehören, wie es in Jerusalem hieß. Am Mittwoch wurden 2000 Reservisten einberufen.

          Der israelische Angriff auf ihren Militärchef bedeutet für die Hamas eine Kriegserklärung, auf die der militärische Arm entsprechend reagieren wird. Mit seinen bewaffneten Truppen und dem immer noch Tausende Raketen umfassenden Arsenal ist Mohammed Deif wohl der mächtigste Hamas-Führer. Ohne seine Zustimmung war bisher keine Feuerpause möglich. Mehr als ein halbes Dutzend Waffenruhen scheiterten seit Anfang Juli, weil Deif seine Männer wieder feuern ließ.

          Er galt als die treibende Kraft hinter dem jüngsten Krieg, auf den sich die Hamas seit Jahren vorbereitet hatte. Mohammed Deif ist offenbar auch der Architekt des weitverzweigten Tunnelsystems unter dem Gazastreifen, das bis in den Süden Israels reichte. Mehr als 30 unterirdische Gänge, die die Hamas für Angriffe gegraben hatte, wurden durch Israels Armee in den vergangenen Wochen zerstört.

          Der Luftangriff am Dienstagabend war nicht der erste israelische Versuch, den Anfang der sechziger Jahre geborenen Deif zu töten. Mindestens vier Mal scheiterte die israelische Armee schon mit diesem Plan; zuletzt wurde Ende Juli in Khan Junis im Süden Gazas das Haus seiner Familie bombardiert. Deif wurde in den vergangenen Jahren schwer verletzt. Er sitzt angeblich im Rollstuhl und hat ein Auge verloren. Es herrscht Unklarheit, ob Deif nur noch eine legendäre Symbolfigur oder der wichtigste Militärstratege der islamistischen Organisation ist, der schon seit dem Ende der neunziger Jahre eine führende Rolle im Kampf gegen Israel spielte. Er soll Selbstmordanschläge organisiert und die Kassam-Raketen entwickelt haben. Spätestens, seit Israel im Ende 2012 den Hamas-Kommandeur Ahmad Dschabari getötet hatte, ist Deif wohl wieder alleiniger Führer der bewaffneten Kassam-Brigaden.

          Wer hat die Macht bei der Hamas?

          In einer seltenen Tonbandbotschaft hatte Deif Ende Juli verkündet, die Hamas habe „die zionistische Armee geschlagen“. Während der von Ägypten vermittelten Verhandlungen in Kairo machten die palästinensischen Islamisten wenig später durch weniger kriegerische Töne auf sich aufmerksam. Doch die Machtverteilung innerhalb der Hamas-Führung lässt sich von außen nur schwer abschätzen. Klar ist, dass schon die Beschlussfassung weiterhin sehr schwierig sein muss: In den Bunkeranlagen unter dem Schifa-Krankenhaus in Gaza-Stadt wird der frühere Hamas-Ministerpräsident Ismail Hanija vermutet.

          Von ihm war - abgesehen von einer aufgezeichneten Rede, in der er vor zwei Wochen den Sieg seiner Organisation lobte - nichts zu hören. Sein Wohnhaus hatte die israelische Armee während des Krieges ebenso zerstört, wie das des früheren Hamas-Außenministers Mahmud Zahar. In Kairo verhandelte für die Hamas der stellvertretende Politbürochef Musa abu Marzuq, mit dessen Erfolgen die Hamas-Führung offenbar nicht zufrieden war: Sie verlangte, dass Israel die Blockade des Gazastreifens vollständig aufhebt und nicht nur lockert. Eigentlich wollte Hamas-Politbürochef Khaled Meschal in der ägyptischen Hauptstadt verhandeln. Doch die ägyptische Regierung erlaubte ihm nicht, aus Qatar, wo Meschal im Exil lebt, nach Kairo zu kommen.

          Rivalität zwischen Qatar und Ägypten

          Diese Zurückweisung hatte mit der regionalpolitischen Rivalität zwischen dem Golfemirat und Ägypten zu tun, die offenbar auch bei der jüngsten Eskalation eine Rolle spielte. Die ägyptische Regierung unter dem früheren General Abd al Fatah al Sisi nimmt Qatar die Unterstützung der ägyptischen Muslimbrüder übel, die das ägyptische Militär im vergangenen Sommer in Kairo von der Macht vertrieben hatte. Qatar versucht wiederum durch die Unterstützung der Hamas im Nahen Osten politisch an Einfluss zurückzugewinnen, den es zuletzt auch im Bürgerkrieg in Syrien verloren hatte.

          Dabei bestärkte die Regierung in Doha - zusammen mit der Türkei - Hamas-Politibürochef Meschal in seinen Maximalforderungen, die die ägyptischen Vermittlungsgespräche über einen Waffenstillstand. Es wurde berichtet, das Meschal mit früheren Feuerpausen nicht einverstanden war. Seine persönlichen Beziehungen zur gegenwärtigen israelischen Regierung sind ohnehin problematisch: Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hatte während seiner ersten Amtszeit 1997 den Auslandsgeheimdienst Mossad beauftragt, Meschal in der jordanischen Hauptstadt Amman zu töten. Der Plan schlug fehl. Israel musste das Gegengift liefern, um die Beziehungen zu Jordanien zu retten.

          Laut arabischen und israelischen Presseberichten war es Khaled Meschal, der den bewaffneten Arm der Hamas am Dienstag aufforderte, die jüngste Waffenruhe vorzeitig zu beenden und wieder Raketen abzufeuern. Dabei soll der Politbürochef unter dem Druck qatarischen Gastgeber gestanden haben: Sie drohten nach Informationen der arabischen Zeitung „Al Hajat“ damit, ihm sein Exil zu entziehen, sollte die Hamas den ägyptischen Vorschlag für Gaza akzeptieren.

          Meschal setzte sich schon seit Wochen dafür ein, dass Qatar und die Türkei im Gaza-Konflikt vermitteln, die sich weitgehend die Forderungen der Hamas zu eigen gemacht hatten. Nach palästinensischen Angaben verlangten Meschal und die Regierung in Doha, dass der Außenminister und der Geheimdienstchef Qatars an den Verhandlungen in Kairo teilnehmen. Dazu kam es demnach nicht: Die Führung in Kairo habe zur Bedingung gemacht, dass sich die qatarische Führung dafür entschuldige, dass sie die ägyptischen Muslimbrüder unterstützt habe.

          Topmeldungen

          Mordfall Lübcke : Die Falle der AfD

          Die AfD ist an Scheinheiligkeit nicht zu überbieten. Die Krokodilstränen über den Tod eines Repräsentanten des „Systems“, das sie aus den Angeln heben will, kann sie sich sparen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.