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Gaza-Konflikt : Der Krieg hat seinen Preis

  • -Aktualisiert am

50.000 Dollar für jede Abfangrakete: Das israelische System „Eiserne Kuppel“ Bild: UPI/laif

Die Gaza-Operation kostet Israel rund 1,5 Milliarden Euro. Vor allem die Tourismus-Branche spürt die wirtschaftlichen Folgen des Krieges. Der Staat ist auf weitere Hilfe aus dem Ausland angewiesen.

          Jair Lapid verbreitet Zuversicht. Den Menschen in Südisrael, wo die meisten Raketen während des Gaza-Kriegs niedergingen, versprach der israelische Finanzminister eine „Eiserne Kuppel“, die sie vor den wirtschaftlichen Folgen des Konflikts bewahren soll. Der frühere Journalist spielte damit auf die israelische Raketenabwehr mit diesem Namen an, die in den vergangenen Wochen Hunderte Raketen abfing. Die Wirtschaft des Landes mit seinen acht Millionen Einwohnern hält Lapid für robust genug, um die Militäroffensive in Gaza ohne Steuererhöhungen zu Ende zu bringen. Die Kosten ließen sich im Rahmen des laufenden Haushalts decken, beruhigte Lapid seine Landsleute, die er trotzdem aufforderte, einen kleinen Beitrag zu leisten: Als gute Zionisten sollten sie zu Hause Urlaub machen und nicht in der israelfeindlichen Türkei.

          Der Tourismus ist seit Beginn des Krieges am 8. Juli eingebrochen. Im Juli waren 26 Prozent weniger ausländische Besucher nach Israel gereist als im gleichen Monat des Vorjahrs. In manchen Hotels wurde mehr als ein Drittel aller Reservierungen storniert. Die Hoteliers mussten bereits erste Angestellte entlassen. Einige Fluggesellschaften reduzierten schon ihre Flüge nach Tel Aviv. Ende Juli war eine Rakete aus Gaza in unmittelbarer Nähe des Tel Aviver Flughafens eingeschlagen; ausländische Fluggesellschaften setzten ihre Flüge nach Israel aus. Der erste Schock ist zwar vorüber, die Waffenruhe bis Dienstagabend verlängert, aber die Tourismusbranche hat besonders schwer mit den Folgen eines der längsten Kriege der israelischen Geschichte zu kämpfen.

          Demonstranten fordern besseren Schutz

          Die Kosten des Kriegs lassen sich noch nicht endgültig beziffern, auch wenn seit knapp zwei Wochen meist die Waffen schweigen. Wegen der effizienten Abwehr gab es zuvor in Israel nur wenige Raketentreffer, die nach ersten Schätzungen Schäden in Höhe von zehn Millionen Euro angerichtet haben. Die indirekten Folgen für die israelischen Unternehmer und Bauern besonders im Süden Israels werden auf mehr als 200 Millionen Euro veranschlagt; mehr als 10.000 Menschen aus Südisrael demonstrierten am Donnerstagabend in Tel Aviv und verlangten, sie künftig besser zu schützen.

          Die Armee gab das meiste Geld aus. Rund 1,5 Milliarden Euro hätten die ersten 30 Tage der Militäroperation gekostet, teilte das Verteidigungsministerium mit. Das ist noch nicht alles. Für die nächsten beiden Haushaltsjahre verlangen die Militärs eine Erhöhung ihres Budgets um 2,3 Milliarden Euro. Mit dem Geld wollen sie die Region in der Nähe des Gazastreifens besser vor Angriffen aus Gaza schützen als bisher.

          Mehrere hundert Millionen Euro könnte allein das neue unterirdische Sensoren-System kosten, das rechtzeitig vor neuen Hamas-Tunneln warnen soll; es wird noch erprobt. Der Finanzausschuss des Parlaments überwies dem Verteidigungsminister vor wenigen Tagen in einer ersten Abschlagszahlung mehr als 700 Millionen Euro. Es gab eine heftige Debatte. Abgeordnete linker Parteien kritisierten, dass unter dieser Umverteilung der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs und der Wasserversorgung leiden werde.

          Südkorea interssiert sich für die „Eiserne Kuppel“

          Israel muss nicht alle Kosten allein tragen. Anfang August stellte die amerikanische Regierung Israel weitere 225 Millionen Dollar für das Raketenabwehrsystem „Eiserne Kuppel“ bereit, das Washington schon in der Vergangenheit zu einem großen Teil finanziert hatte. Eine Abfangrakete kostet angeblich 50.000 Dollar. Offenbar wurden diese Geschosse im Gazakrieg im November 2012 knapp, wie der israelische Journalist Ronen Bergman in der Zeitung „New York Times“ schrieb. Damals war der Krieg nach einer knappen Woche vorüber. Dieses Mal scheint der Vorrat groß genug zu sein. Dazu könnte der Krieg auch noch einen ausländischen Auftrag zur Folge haben: Südkorea interessiert sich angeblich für die „Eiserne Kuppel“, um Angriffe aus dem kommunistischen Norden abzuwehren.

          Der Werbeslogan „im Kampf erprobt“ hilft der israelischen Rüstungsindustrie. Ausländische Delegationen seien in den vergangenen Wochen nach Israel gereist, um zu beobachten, wie sich die Waffensysteme im Krieg bewährten, berichtete die israelische Zeitung „Haaretz“. Der frühere Chef des Auslandsgeheimdiensts Mossad Generalmajor Danny Jatom sieht gute Chancen, „die Rüstungsexporte zu steigern, vor allem der Systeme, die sich im Krieg bewährt haben“. Laut Schätzungen verkaufen israelische Hersteller wie Elbit, Rafael und IAI bis zu 80 Prozent ihrer Produktion ins Ausland – im vergangenen Jahr angeblich in einem Gesamtwert von mehr als fünf Milliarden Euro. Bis zu 150.000 Arbeitsplätze hängen in Israel von der Rüstungsindustrie ab. Je mehr exportiert wird, desto niedriger fallen die Kosten für die Einkäufe der israelischen Armee aus, schreibt „Haaretz“.

          Die israelische Rüstungsindustrie ist leistungsfähig, aber die Armee ist vom Nachschub aus dem Ausland abhängig. Hier zeichnen sich jetzt erste Schwierigkeiten bei Angriffswaffen ab. Das amerikanische Außenministerium bestätigte in der Nacht zum Freitag, dass die Regierung in Washington ihre Waffenlieferungen überprüfen wolle. So wurde angeblich eine Lieferung von „Hellfire“-Raketen gestoppt, die israelische Kampfhubschrauber in Gaza einsetzen. Sämtliche Flugzeuge der israelischen Luftwaffe und fast die gesamte Bewaffnung stammen aus den Vereinigten Staaten, die Israel jedes Jahr mit drei Milliarden Dollar unterstützen. In Israel dominiert dennoch der Optimismus. Die Erfahrung vergangener Kriege zeigte, dass sich die Wirtschaft meist schnell erholte. Vergleichbare Konflikte hätten in der Vergangenheit höchstens 0,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts gekostet und seien meist noch im Laufe des Jahres wieder wettgemacht worden, lautete eine erste Einschätzung der israelischen Zentralbank.

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