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Gaza : Hamas richtet angebliche Kollaborateure hin

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Gezielter Schlag: Anwohner untersuchen das Autowrack in Rafah, in dem drei Hamas-Führer von israelischen Raketen getroffen wurden. Bild: Reuters

Die Hamas hat drei Männer getötet, die angeblich mit Israel zusammengearbeitet hatten. Vorausgegangen war ein Luftschlag Israels gegen drei Kommandeure der radikalislamischen Palästinenserorganisation im Gazastreifen.

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          Die Hamas hat im Gazastreifen drei Männer getötet, weil diese mit Israel zusammengearbeitet haben sollen. Die Kassam-Brigaden, militärischer Arm der Hamas, teilten am Donnerstag mit, sie hätten insgesamt sieben mutmaßliche Kollaborateure festgenommen. Drei von ihnen seien exekutiert worden.

          Die israelische Luftwaffe hat im Gazastreifen am Donnerstag einen weiteren Angriff zur gezielten Tötung von Kommandeuren der islamistischen Hamas geflogen. Unter den drei getöteten Anführern sei auch Raed al Atar gewesen, einer der Entführer des israelischen Soldaten Gilad Schalit, hieß es anschließend. Insgesamt wurden am Morgen bei israelischen Angriffen mindestens 15 Palästinenser getötet, darunter vier Kinder.

          Die israelischen Streitkräfte erklärten zur gezielten Tötung al Atars, dieser sei als Führer der Hamas in Rafah für Raketenangriffe, den Bau von Angriffstunneln, den Waffenschmuggel aus Ägypten und für Terrorattacken von der Sinai-Halbinsel aus verantwortlich gewesen. Außerdem sei er ein direkter Beteiligter der Entführung Schalits, der im Jahr 2011 nach fünf Jahren bei einem Gefangenenaustausch freigekommen war. Israelische Medien veröffentlichten am Donnerstag Filmausschnitte, auf denen al Atar bei der Übergabe Schalits zu sehen ist.

          „An vielen Attacken auf Militärposten beteiligt“

          Al Atars Tötung erfolgte 36 Stunden nach einem Anschlag auf den Militärchef der Hamas, Mohammed Deif, bei dem dessen Frau und ein sieben Monate alter Sohn starben. Neben al Atar seien bei dem Angriff auf ein vierstöckiges Wohnhaus in Rafah am Südrand des Küstengebiets die Kommandeure Mohammed Abu Schamala und Mohammed Barhum getötet worden, teilten die Essedin-al-Kassam-Brigaden, der bewaffnete Arm der Hamas, mit.

          Abu Schamala wurde von der israelischen Armee als Militärchef der Hamas für den südlichen Gazastreifen bezeichnet. Er sei seit dem Jahr 1994 an zahlreichen Attacken auf Militärposten beteiligt gewesen. Über Barhum wurden zunächst keine Details bekannt. Rettungskräfte berichteten, bei der Attacke in Rafah kurz vor Tagesanbruch seien mindestens vier weitere Palästinenser getötet worden. Nach Angaben von Augenzeugen wurde das Gebäude durch den heftigen Beschuss vollständig zerstört.

          Drohungen gegen Flughafen folgenlos

          Acht weitere Personen, darunter vier Kinder, starben am Donnerstagvormittag bei unterschiedlichen Angriffen im nördlichen Beit Lahija, in Gaza und im Flüchtlingslager Nusseirat, das im Zentrum des Gazastreifens liegt. Damit erhöhte sich die Gesamtzahl der seit Beginn der Eskalation am 8. Juli getöteten Palästinenser auf 2065. Auf israelischer Seite  starben drei Zivilisten und 64 Soldaten, davon fünf unter Beschuss der eigenen Truppen.

          Raed al Atar, Abu Schamala (von links) und ein weiterer Hamas-Kommandeur in einer Aufnahme aus Gaza aus dem Jahr 1999

          Folgenlos blieben am Donnerstagmorgen die Drohungen der Kassam-Brigaden vom Vorabend, den Flugbetrieb auf dem internationalen Flughafen von Tel Aviv durch Raketensalven ab 6 Uhr Ortszeit unmöglich zu machen. Die angekündigten Angriffe blieben aus. Auf Anfrage erklärte der Sprecher der israelischen Luftfahrtbehörde, die Starts und Landungen seien zur angekündigten Zeit lediglich für zehn Minuten aufgeschoben worden.

          UN-Sicherheitsrat „tief besorgt“

          Israel hatte seine Luftangriffe im Gazastreifen wieder aufgenommen, nachdem eine bis zur Nacht auf Mittwoch befristete Feuerpause schon Stunden vorher durch Raketenangriffe aus dem Küstengebiet gebrochen worden war. Wegen der Angriffe zog Israel seine Delegation von den Waffenstillstandsgesprächen in Kairo ab. Auch die meisten palästinensischen Delegierten sind mittlerweile abgereist.

          Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in New York rief die Konfliktparteien im Nahen Osten abermals „dringend“ dazu auf, Verhandlungen über eine neue und langanhaltende Waffenruhe aufzunehmen. Israel und die Palästinenser sollten eine Eskalation des Konflikts verhindern und stattdessen eine sofortige Feuerpause vereinbaren, sagte der Vorsitzende des Rats, der britische Botschafter Mark Lyall Grant, am Mittwoch (Ortszeit) in New York. Der Sicherheitsrat sei angesichts der wieder aufgeflammten Kämpfe „tief besorgt“.

          Deif getötet oder nicht?

          Der amerikanische Nachrichtensender Fox News berichtete unter Berufung auf israelische Geheimdienstquellen, nach seinen Informationen sei bei dem Angriff am Mittwoch auch der Hamas-Führer Deif getötet worden. Hingegen betonten eine Schwester und die Schwiegermutter Deifs in Gaza, er sei am Leben. Auch die Hamas dementierte, dass der 1962 geborene Deif getötet worden sei. Das Gesundheitsministerium in Gaza bezeichnete eine Todesurkunde mit dem Namen Deifs von einem Krankenhaus als Fälschung, berichtete die Zeitung „Jerusalem Post“. Der Hamas-Funktionär Mussa Abu Marsuk nannte den Angriff ein „Verbrechen“.

          Deif gilt in Gaza als einer der wichtigsten Drahtzieher, er hat schon mehrere versuchte Tötungen durch Israel überlebt. Israel wirft ihm vor, er dirigiere den Gaza-Krieg aus dem Untergrund. Israel hatte in der Vergangenheit immer wieder politische und militärische Führer der Hamas gezielt getötet. Der spirituelle Führer Ahmed Jassin, der an einen Rollstuhl gefesselt war, kam 2004 bei einem Luftangriff Israels ums Leben. Später tötete Israel auch dessen Nachfolger Abdel Asis Rantisi und 2012 den Hamas-Militärchef Ahmed Dschabari.

          Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bezeichnete die Führer der militanten Palästinenserorganisationen im Gazastreifen als „legitimes Ziel“. Er wollte sich jedoch nicht dazu äußern, ob Deif getötet wurde. Gleichzeitig deutete Netanjahu die Möglichkeit einer langfristigen Friedensregelung in der Region an. Er kündigte einen „neuen diplomatischen Horizont“ an, ohne sich zu Einzelheiten zu äußern.

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