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Gaza : Bis zu sieben Milliarden Dollar Schäden

Palästinensische Sicherheitskräfte patrouillieren durch Trümmer im zerstörten Gaza-Streifen Bild: AP

Bei der Geberkonferenz für den Wiederaufbau des Gazastreifens will die internationale Gemeinschaft verhindern, dass die Gelder der Hamas in die Hände fallen. UN-Schätzungen zufolge belaufen sich die Gesamtschäden auf bis zu sieben Milliarden Dollar.

          An internationaler Hilfsbereitschaft für den Gazastreifen hat es nie gemangelt. Nach dem vorletzten großen Gaza-Krieg Anfang 2009 sagten mehr als 70 Staaten Hilfe im Wert von fünf Milliarden Dollar zu. Doch nur ein Bruchteil davon kam an. Die Geber hatten zur Bedingung gemacht, dass das Geld nicht in die Hände der Hamas fällt, die im Gazastreifen weiterhin an der Macht blieb. Auch auf der Aufbaukonferenz in Kairo an diesem Sonntag will die internationale Gemeinschaft verhindern, dass die Islamisten Hilfsgelder und Baumaterial nutzen, um neue Raketen oder Tunnel zu bauen. Die Voraussetzungen dafür sind dieses Mal günstiger: Die Hamas hat ihren Rückzug von der Macht in Gaza angekündigt.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Seit dem 2. Juni gibt es eine gemeinsame palästinensische Übergangsregierung, die aus parteiunabhängigen Fachleuten besteht, die weder der Hamas noch der Fatah-Organisation von Präsident Mahmud Abbas angehören. Seitdem hat es die Abbas unterstehende Autonomiebehörde jedoch nicht geschafft, ihre Autorität auf den Gazastreifen auszudehnen, wo die Hamas de facto immer noch die Kontrolle hat.

          Erst am Donnerstag, vier Monate nach ihrer Bildung, trat die Einheitsregierung erstmals zu einer Kabinettssitzung in Gaza-Stadt zusammen. Der palästinensische Ministerpräsident Rami Hamdallah, begleitet von seiner Ministerriege, sagte in Gaza, der Wiederaufbau sei die wichtigste Aufgabe der Einheitsregierung. „Wir sind moralisch und menschlich unserem Volk in Gaza verpflichtet.“ Hamdallah wurde nach dem Passieren des Grenzübergangs Eres von Hamasführern begrüßt.

          Mit einem weiteren Versöhnungsabkommen, das beide Seiten am 25. September in Kairo unterzeichnet hatten, wollten sie ihre letzten Streitigkeiten beilegen. Auf dem Papier sah das wieder gut aus: Endlich sollten (angeblich von Qatar bezahlt) die Gehälter von gut 40.000 Regierungsbediensteten überwiesen werden, die die Hamas angestellt hat. Bis zum 15. November sollte der Autonomierat, das palästinensische Parlament, wieder zusammentreten. Die Regierung in Ramallah sollte zudem mindestens 3000 Sicherheitskräfte reaktivieren, die seit der Machtergreifung der Hamas in Gaza im einstweiligen Ruhestand sind.

          Infrastruktur wurde schwer geschädigt

          Israel, Ägypten und westliche Regierungen verlangen, dass Abbas unterstellte Sicherheitskräfte die Grenzen sichern, bevor sie für Hilfsmaterial geöffnet werden. Die Vereinten Nationen vermittelten zudem einen „Mechanismus“, der sicherstellen soll, dass die Lieferungen auch wirklich ihren Bestimmungsort erreichen und nicht in Hamas-Tunnel enden. Das könnten UN-Beobachter auf Baustellen und Materiallager in Gaza überwachen. An den Grenzen könnten Beamte aus der EU zum Einsatz kommen, die mit ihrer Eubam-Mission schon einmal die Kontrollen am ägyptischen Übergang in Rafah überwachte.

          Obwohl die Waffen seit dem 26. August schweigen, liegt in Gaza immer noch keine endgültige Schadensbilanz vor. Sie wird frühestens bis zum Jahresende erwartet, heißt es beim Palästinenserhilfswerk UNRWA in Gaza. Der Gesamtschaden beläuft sich nach ersten UN-Schätzungen auf vier bis mehr als sieben Milliarden Dollar. Knapp 20.000 Wohnungen wurden vollständig zerstört, 60 000 beschädigt. Nach UN-Angaben wurden 110 000 Menschen obdachlos. Mehr als 60 000 haben in 19 UN-Schulen und einer staatlichen Schule Zuflucht gefunden.

          Die Infrastruktur hat ebenfalls größere Schäden davongetragen. So hat in Gaza nur jeder vierte Einwohner direkten Zugang zu sauberem Wasser. Strom gibt es vielerorts nur sechs Stunden am Tag, weil das einzige Kraftwerk während des Krieges zerstört worden war. Das erschwert die Arbeit in den Krankenhäusern, in denen noch viele Menschen liegen, die während der 50 Kriegstage verwundet wurden. Nach palästinensischen Angaben gab es insgesamt 11.000 Verletzte. Bis zu tausend Menschen könnten bleibende Kriegsschäden davontragen, heißt es in einem UN-Bericht. Während des Krieges wurden 17 der insgesamt 32 Krankenhäuser beschädigt. Mit 2180 Toten war es zudem der bisher verlustreichste Gaza-Konflikt. Unter ihnen waren nach UN-Recherchen 505 Kinder und Jugendliche. Demnach wurden 1475 Zivilisten getötet. Die israelische Regierung spricht dagegen von bis zu tausend getöteten Kämpfern. In Israel kamen 71 Menschen ums Leben, unter ihnen sind 66 Soldaten und ein vier Jahre alter Junge.

          Keine Einigkeit über längeren Waffenstillstand

          Gaza hat jedoch nicht nur mit den Folgen des jüngsten Waffengangs zu kämpfen. Schon bevor der Konflikt begann, fehlten in Gaza wegen der früheren Kriege und des schnellen Bevölkerungswachstums mehr als 70.000 Wohnungen. Zudem wird das Trinkwasser knapp, und es gibt nicht genug Elektrizität. Das Büro des UN-Nothilfekoordinators Ocha warnte schon davor, dass Gaza im Jahr 2020 unbewohnbar sein könnte, wenn sich die bisherige Entwicklung einfach fortsetze. Dann werden dort statt heute 1,8 Millionen voraussichtlich 2,1 Millionen Menschen wohnen, die doppelt so viel Energie brauchen. Hilfsorganisationen verlangen deshalb, jetzt die Zukunft Gazas zu sichern und nicht nur die desolate Lage wiederherzustellen, die vor Kriegsbeginn dort herrschte.

          Aber derzeit gibt es nicht einmal Einigkeit über einen längerfristigen Waffenstillstand. Die indirekten Verhandlungen sollen kurz nach der Geberkonferenz beginnen. Die Forderungen klaffen weit auseinander: Israel verlangt eine Entwaffnung des Gazastreifens, die Palästinenser bestehen weiter auf einer vollständigen Aufhebung der Blockade des Gazastreifens und wollen weiterhin einen eigenen See- sowie einen Flughafen. Ihre Forderungen wollen sie aber vorerst nicht gewaltsam durchsetzen.

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