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Gaddafis Kaserne Bab al Azizia : Blechfaust vor Betonbunker

Gaddafi vor der Blech-Skulptur, die er vor seine Kaserne pflanzte: eine Faust, die ein amerikanisches Kampfflugzeug zerquetscht Bild: REUTERS

Von der Kaserne Bab al Azizia aus leitet Gaddafi den Kampf gegen sein Volk. Reagan hatte den Komplex einst bombardieren lassen - und dem libyschen Diktator so sein Lieblingssymbol geschenkt.

          Meistens, wenn sich der libysche Staatschef Muammar al Gaddafi dieser Tage zeigt, hält er sich in der Kaserne von Bab al Azizia auf. In dem sechs Quadratkilometer großen Komplex südlich von Tripolis befinden sich seine Kommandozentrale, sein Büro, seine Residenz und natürlich sein Beduinenzelt, in dem er die Sommernächte gern verbringt. Eine doppelte Betonmauer und die Revolutionsgarde bieten Schutz. Die Lage im Land ist unübersichtlich, aber in Bab al Azizia, dem „Prächtigen Tor“, kann sich der Diktator sicher fühlen.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Als der amerikanische Präsident Reagan im April 1986 den Anschlag auf die Berliner Diskothek „La Belle“ vergelten ließ, war Bab al Azizia das erste und wichtigste von fünf Zielen. Neun F-111-Bomber warfen nachts 36 lasergesteuerte 910-Kilogramm-Bomben über der Kaserne ab. „Wäre Gaddafi getötet worden, hätten wir ihn nicht als Kollateralschaden betrachtet“, sagte ein Regierungsvertreter in Washington. Doch Gaddafi und seine Familie hatten sich rechtzeitig in Sicherheit gebracht – und der Diktator nutzte die Chance, den Angriff auszuschlachten.

          Phantasie der Staatspropaganda

          Dazu gehört die Geschichte von Hanna, einem kleinen Mädchen, das in den Ruinen von Gaddafis Residenz ums Leben gekommen sei. Als ausländische Reporter wenige Tage nach dem Angriff auf das Gelände geführt wurden, bekamen sie zu hören, Hanna sei die Adoptivtochter des Revolutionsführers. In Windeseile verbreitete sich die Geschichte in aller Welt. Doch in Libyen hatte bis dahin niemand von einer Adoptivtochter gewusst. Ihr Alter schwankte in den Berichten, mal war sie zwölf Monate alt, dann fünf Jahre. Vermutlich war Hanna eine Erfindung der Staatspropaganda. Auch, dass zwei leibliche Kinder des Staatschefs bei dem Bombardement verletzt worden seien, dürfte ihrer Phantasie entsprungen sein.

          Gaddafi war von den Angriffen nicht überrascht worden. Abdurrahman Mohamed Shalgam, jetzt UN-Botschafter seines Landes in New York, berichtete 2008 auf einer Konferenz in Rom, der italienische Ministerpräsident Bettino Craxi habe den libyschen Staatschef seinerzeit vorgewarnt. „Craxi schickte einen gemeinsamen Freund, der mir sagte: ,Pass auf, am 14. oder 15. April wird es einen amerikanischen Angriff auf Libyen geben‘“, sagte Shalgam, der zu jener Zeit sein Land als Botschafter in Rom vertrat. Giulio Andreotti, damals italienischer Außenminister, bestätigte diese Schilderungen auf derselben Veranstaltung. Washington hatte Rom vergeblich um Überflugrechte für die amerikanischen Bomber gebeten. Italien war also im Bilde über die Luftschläge, die am frühen Morgen des 15. April erfolgten. Außerdem soll Gaddafi vom maltesischen Regierungschef Karmenu Mifsud Bonnici angerufen worden sein. Der meldete, dass Kampfflugzeuge ohne Autorisierung den Luftraum des Inselstaats durchquert hätten.

          Symbol seiner Widerstandskraft

          Gaddafi kam zugute, dass die Bomber ihr Ziel nicht dem Erdboden gleichmachten. Seine Residenz wurde durch die Druckwelle zwar stark beschädigt, aber nicht zerstört. Er ließ das Gebäude als Ruine stehen. So wurde es zum Symbol seiner Widerstandskraft und Unverwundbarkeit. Davor pflanzte er eine riesige Skulptur aus Blech: eine Faust, die ein amerikanisches Kampfflugzeug zerquetscht. Einer der amerikanischen Bomber war über dem Golf von Sidra von einer Boden-Luft-Rakete abgeschossen worden. Die Fliegermontur und die Helme der beiden getöteten Besatzungsmitglieder sollen in der Kaserne ausgestellt sein. Alle anderen Kampfflugzeuge kehrten unversehrt zu ihren Basen zurück. Den einen Abschuss aber nahm Gaddafi zum Anlass, den „militärischen Sieg“ über Amerika zu erklären.

          Im Jahr 2003 ließ er einen internationalen Schönheitswettbewerb, an dem auch Amerikanerinnen teilnahmen, in Bab al Azizia inszenieren. Als der französische Präsident Sarkozy 2007 zum Staatsbesuch kam, posierte Gaddafi neben ihm vor der gereckten Faust. Es war derselbe Ort, von dem aus er nun am 22. Februar – in einem Pritschenwagen sitzend, den Regenschirm in der Hand – in ein Mikrofon keuchte, er sei immer noch in Libyen und nicht in Venezuela.

          Die Kaserne soll tief verbunkert sein, angeblich sogar sicher gegen Atombomben. Die Revolutionsgarde und von seinen Söhnen kommandierte Eliteeinheiten stehen zur Verteidigung bereit. Sollte alles nichts mehr helfen, zahlte sich die Lage an der Schnellstraße zum Flughafen von Tripolis aus. Dort stehen jederzeit Flugzeuge der libyschen Luftwaffe bereit.

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