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Flüchtlingswelle aus Syrien : An der Grenze

Syrische Flüchtlinge in Ramtha Bild: REUTERS

Trotz der Waffenruhe fliehen immer mehr Syrer nach Jordanien. Inzwischen sind es nicht mehr nur die Menschen aus dem Grenzgebiet. In den Auffanglagern ist der Platz schon knapp.

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          Die Mauer aus grauen Betonsteinen ist noch nicht verputzt. Neben dem Eingang flattern Plastikplanen im Wind, türmen sich Abfallberge. Am Tor stehen drei jordanische Polizisten Wache. Der heruntergekommene Wohnblock am Rande der jordanischen Grenzstadt Ramtha gleicht einer Baustelle. Trotzdem ist das Auffanglager Al Baschabscheh für viele Syrer zum ersten Ort geworden, an dem sie sich sicher fühlen. Mit den Füßen haben Tausende Flüchtlinge über den Friedensplan des UN-Sondergesandten Annan abgestimmt: Jede Nacht klettern sie zu Hunderten über den Stacheldrahtzaun, der die Grenze markiert, die von Ramtha aus mit dem bloßen Auge zu sehen ist. Ihre Zahl wächst, obwohl seit zwei Wochen in Syrien eigentlich die Waffen ruhen sollten.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „Wir waren kurz vor der jordanischen Grenze. Dann begann ein kleines Kind zu weinen. Die syrischen Soldaten wurden auf uns aufmerksam und schossen. Ich sah Verletzte“, berichtet eine junge Frau, die es selbst vor zwei Wochen unversehrt mit ihren drei Kindern ins Lager von Ramtha geschafft hatte. Ihren richtigen Namen will sie aus Angst um ihre Angehörigen zu Hause nicht nennen, nur dass sie aus Homs floh - in einem Lastwagen unter einem Berg von Müll versteckt. Ihre Odyssee dauerte Tage. Bevor sie die jordanische Grenze erreichte, versteckte sie sich mit ihren beiden Töchtern und dem kleinen Sohn in der Wüste.

          Legale Ausreise erst ab 40 Jahren möglich

          Die Frau aus Homs ist nicht die Erste, die von syrischen Soldaten berichtet, die auf wehrlose Flüchtlinge zielen. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen mussten schon mehrere verletzte Syrer versorgen. Hunderte warteten auf der syrischen Seite, um sich nachts auf den gefährlichen Weg zu machen, erzählt man in Ramtha. Legal können nur noch wenige das Land verlassen. Sie müssen älter als 40 Jahre sein. Familien dürfen nicht mehr gemeinsam nach Jordanien ausreisen. Viele Syrer haben zudem gar keinen Reisepass.

          „Der Zustrom reißt nicht ab. Uns fehlen im Lager schon Milchpulver und Windeln“, sagt in Al Baschabscheh ein jordanischer Behördenvertreter, der seinen Namen nicht gedruckt sehen will. Auch die Regierung in Amman ist mit Zahlen zurückhaltend. Gegenüber ausländischen Politikern sprechen ihre Vertreter schon eine Weile von mehr als 11.0000 syrischen Flüchtlingen. Das sind deutlich mehr als zum Beispiel in der Türkei, wohin sich nach offiziellen Angaben bisher knapp 24.000 Syrer in Sicherheit gebracht haben. Die meisten Flüchtlinge zögern, sich offiziell registrieren zu lassen. Sie fürchteten, dass die syrische Regierung von ihrer Flucht erfährt, ihre Verwandten bestraft oder ihnen eines Tages Schwierigkeiten bei der Rückkehr macht.

          Das Dreiländereck Syrien - Israel - Jordanien

          So sind beim UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR in Jordanien bisher nur gut 1.2000 Menschen aus dem Nachbarland registriert. Aber auch dort beobachtet man eine deutliche Zunahme. Seit Anfang April meldeten sich in den jordanischen UN-Büros fast 5.000 Syrer. Selbst während des Kriegs im Nachbarland Irak kamen nie so viele Menschen innerhalb eines Monats. Viele Flüchtlinge meldeten sich erst, wenn sie finanzielle oder andere Probleme hätten, sagt die für den Nahen Osten zuständige UNHCR-Sprecherin. Bei der Mehrheit der irakischen Flüchtlinge habe das Jahre gedauert.

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