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Flüchtlingscamp in Jordanien : Geschäfte hinter Mauern

Fast eine normale Straßenszene – wären nicht um das Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien Mauern gezogen. Bild: AP

In Jordanien leben 80.000 Syrer in dem gigantischen Flüchtlingslager Zaatari. Sie haben etwas im Blut, das den Einheimischen fehlt: Geschäftssinn, Eigeninitiative – und den unbedingten Willen, aus der Lage das Beste zu machen.

          Am Nachmittag beginnt das Leben auf den Champs-Elysées. In der Sonne brutzeln Hähnchen, es duftet nach Falafel. Angeblich gibt es hier die besten im ganzen Land. An den Gemüseständen werden Tomaten, Zucchini, Zitronen und jede Menge Orangen verkauft. Zwei Jungs schleppen eine Kiste mit Auberginen über die Straße. Ein paar Ecken weiter bekommt man Damenschuhe in jeder Ausführung. Vor einem Sportgeschäft stehen Schaufensterpuppen in bunten Jogginganzügen. Nichts aber strahlt so wie die Hochzeitskleider in Nummer 155, ein wallender Traum in Rot und Gelb.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In Paris würden die Kleider kaum auffallen, hier schon. Denn diese Champs-Elysées befinden sich im größten Flüchtlingslager der arabischen Welt, Zaatari in Jordanien. Drei Jahre ist es her, da öffneten die ersten Geschäfte, das Lager war noch ganz neu. An der Straße betrieben französische Ärzte ein Krankenhaus, sie sahen den neuen Markt und dachten sich den klingenden Namen dafür aus. Der blieb, auch als die Ärzte weggingen. Hunderte Geschäfte säumen inzwischen die Straße, angeblich gibt es insgesamt dreitausend in Zaatari. Dreitausend für achtzigtausend Bewohner. Wie ist das möglich an einem solchen Ort?

          Die Leute von den Vereinten Nationen fragen sich das auch. Viele sind weit herumgekommen, sie kennen sich aus mit dem Elend dieser Welt. Aber einen Ort wie Zaatari hat noch niemand anderswo gesehen. „Es ist einfach unglaublich viel los hier, man spürt die Energie“, erzählt Codi Trigger, eine junge Amerikanerin in Diensten des UN-Flüchtlingshilfswerks. In Afghanistan, wo sie auch schon war, sei das Leben langsam, ruhig und träge gewesen. Wie zur Bekräftigung kommt ihr eine Horde kleiner Jungs mit himmelblauen Rucksäcken entgegen, sie rufen „Hi“ und winken. Die Schule ist aus, sie laufen nach Hause.

          „Die Syrer lassen sich nicht hängen“

          Was also ist das Geheimnis dieses Lagers, 15 Kilometer von der Grenze zu Syrien entfernt? Die Amerikanerin muss nicht lange überlegen: „Es sind die Syrer“, sagt sie, „die lassen sich nicht hängen. Sie versuchen alles, um ihrem Leben wieder etwas Hoffnung zu geben.“ Hoffnung ist ein großes Wort. Fast alle Flüchtlinge in Zaatari haben Grausames erlebt. Giftgas-Angriffe in Homs, Artilleriebeschuss rund um Damaskus, Fassbomben in Daraa, der nächsten großen Stadt auf der anderen Seite der Grenze. Von dort sind sie geflohen, vor dem Krieg des Assad-Regimes gegen das eigene Volk, später auch vor dem „Islamischen Staat“. Ihr altes Leben: in Trümmern versunken.

          Zur Kasse gebeten: Syrische Flüchtlinge beim Einkauf auf den „Champs Elysées“ Bilderstrecke

          In Daraa gab es Wasser, die Menschen hatten Gärten und Äcker. Sie lebten von der Landwirtschaft und vom Handel. In Zaatari klang nur der Name verheißungsvoll, abgeleitet vom arabischen Wort für Thymian. Es muss lange her sein, dass hier Thymian wuchs. Die Gegend ist eine Wüste aus braunem Sand und Geröll, es gibt viele Skorpione und kaum Wasser. Früher gehörte das Land der jordanischen Luftwaffe. Ein unwirtlicher Flecken Erde.

          Als die Syrer nach dem Ausbruch des Bürgerkriegs Zuflucht im Nachbarland suchten, ließ Jordanien seine Grenzen offen. Es hatte schon lange einen intensiven Grenzverkehr gegeben, Syrer durften in Jordanien arbeiten und umgekehrt. Familiäre Bande kamen hinzu, viele Flüchtlinge konnten zunächst bei Verwandten absteigen. Doch wurde die Lage immer schlimmer, zeitweilig strömten 4000 Menschen täglich über die Grenze. Im Sommer 2012 entstand das Lager Zaatari. Anfangs standen nur Zelte da, es fehlte jede Infrastruktur. Mit der Zeit wurden Straßen betoniert, Stromleitungen gezogen, Brunnen gebohrt. Das Zeltlager verwandelte sich in eine riesige Siedlung aus Wohncontainern. Es gibt zwei Krankenhäuser, neun Gesundheitsstationen, sieben Spielplätze und Schulen für 16.000 Kinder. Das klingt alles wunderbar, aber es gibt einen Haken.

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