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Flüchtlingscamp in Jordanien : Geschäfte hinter Mauern

Niemand weiß genau, woher das Geld kommt, das in Zaatari umgesetzt wird. Am Anfang haben die Flüchtlinge noch Ersparnisse. Doch im Lager gibt es wenig zu verdienen. Ein kleiner Teil der Arbeiter darf hin und wieder mit Sondergenehmigung auf den Feldern der Umgebung arbeiten, für einen Dollar pro Stunde. Die Vereinten Nationen vergeben ein paar hundert Minijobs. Freilich haben die Flüchtlinge im Lager auch keine großen Ausgaben. Alles wird kostenfrei gestellt: Unterkunft, Gesundheitsversorgung, Kleidung, Lebensmittel.

Flüchtlinge sollen freie Entscheidungen bewahren

Anfangs hatten die Vereinten Nationen Nahrungsmittelrationen verteilt. Dann gingen sie zu einem modernen System über. Jeder Flüchtling bekommt pro Tag knapp einen Dollar; das reicht aus für 2100 Kalorien am Tag. Der Betrag wird monatlich auf eine Kreditkarte gebucht. Die Flüchtlinge können damit in zwei Supermärkten einkaufen. Sie werden von einer kuweitischen und einer amerikanischen Handelskette betrieben, es gibt Grundnahrungsmittel und frisches Fleisch. „Dieses System ist am effizientesten, und es lässt den Menschen die freie Entscheidung über ihr Leben“, sagt Amber Savage vom Welternährungsprogramm.

Allerdings gibt es ein Problem mit den Supermärkten. Sie sind zu teuer, jedenfalls im Vergleich mit dem freien Markt auf den Champs-Elysées. Kein Wunder, die kleinen Händler zahlen weder Miete noch Steuern. Ihre Waren kommen direkt von den Produzenten, aus Jordanien und aus dem syrischen Grenzgebiet. Deshalb bereitet das Welternährungsprogramm nun den nächsten Schritt vor: Die Flüchtlinge sollen bald an mobilen Automaten ihr Geld abheben und dann überall im Lager ausgeben können. Ein Konjunkturprogramm für die Champs-Elysées!

Arbeit ist der Grund zu bleiben

Außerhalb des Lagers ist die Lage schwieriger. Auch dort werden die registrierten Flüchtlinge vom Welternährungsprogramm unterstützt. Doch musste es ihnen im Sommer drastisch die Zuschüsse kürzen, 240.000 Menschen bekamen sechs Wochen lang gar keinen Cent mehr, denn die Programme waren unterfinanziert. Die UN-Leute mussten zusehen, wie Familien den Boden unter den Füßen verloren. Jungen wurden aus der Schule genommen, damit sie irgendwo für ein paar Dollar schuften konnten. Mädchen wurden schnell verheiratet. Manche Frauen verkauften ihren Körper. Viele Menschen hungerten. Jeden Tag gingen 150 Flüchtlinge zurück nach Syrien, in den Bürgerkrieg oder weiter nach Europa. Seit November hat sich die Lage wieder stabilisiert, das Programm ist für die nächsten Monate finanziert – auch dank deutscher Nothilfe. Nun verlassen nur noch 50 Flüchtlinge täglich das Land.

Arbeit ist der Schlüssel dafür, dass die Menschen nicht nach Europa aufbrechen. Die jordanische Regierung buhlt mit diesem Argument um westliche Unternehmen. Sie sollen in Freihandelszonen Niederlassungen gründen und dort syrische Arbeiter beschäftigen dürfen. Der jordanische Staat würde auf Steuern verzichten, die Europäische Union auf Zölle. Auf den Produkten stände: „Hergestellt von syrischen Flüchtlingen in Jordanien.“

Der jordanische Planungsminister hat das Konzept ausgearbeitet und den europäischen Botschaftern vorgestellt. Beim Wirtschaftstreffen in Davos will er Unternehmer dafür begeistern, besonders jene, die ihr Geschäft in Syrien wegen des Bürgerkriegs aufgeben mussten, zum Beispiel Bosch, Sony, Caterpillar und Benetton.

Einfach wird das nicht: Jordanien hat zwar vor zwanzig Jahren Frieden mit Israel geschlossen, es blieb von islamistischen Anschlägen weitgehend verschont. Doch stehen Unternehmer nicht gerade Schlange, um in der Region zu investieren. Wenn es trotzdem ein gutes Argument dafür gibt, dann sind es die vielen Syrer, die nicht von Almosen leben wollen – in Zaatari und außerhalb.

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