https://www.faz.net/-gq5-14b

Flucht aus Nordafrika : Das Ende der europäischen Welt

Auf dem Sprung nach Europa: nordafrikanische Immigranten erreichen die italienische Insel Lampedusa Bild: AFP

Hunderttausende von Nordafrikanern könnten demnächst an die Tür Europas klopfen. Einer hat es vorausgeahnt: Jean Raspail schrieb schon 1973 den visionären Roman einer Flüchtlings-Armada.

          Sie sind eine Million, auf hundert Schiffen erreichen sie die Côte d’Azur und überfluten Frankreich. Friedlich, freundlich, sympathisch. Sie kommen aus Indien; vertrieben hat sie eine Hungersnot. Die Franzosen inspirieren sie zu Mitleid und Barmherzigkeit. Diese Vision hat der katholische Schriftsteller Jean Raspail 1973 in seinem Roman „Le camp des Saints“ beschrieben. Das Buch wurde 1985 ins Deutsche übersetzt, unter dem Titel „Das Heerlager der Heiligen: Eine Vision“.

          Jürg Altwegg

          Freier Autor im Feuilleton.

          Bei seinem Erscheinen löste es in Paris keinen Skandal aus, nicht einmal eine Debatte. Fünf Jahre nach dem Mai 68 waren die linken Intellektuellen Maoisten und verehrten wahlweise Castro, Ho Chi Minh oder sogar Pol Pot. Die Revolution stand auf dem Programm, und man würde sie auch für die Einwanderer aus der Dritten Welt machen. Im Elysée regierte der kranke Pompidou. Weil er ein Monarchist ist, hat man Jean Raspail nie wirklich ernst genommen. Doch Jahr für Jahr sind in Frankreich mehrere tausend Exemplare verkauft worden. Deshalb wurde das „Heerlager der Heiligen“ nicht als Taschenbuch vermarktet. Die Gesamtauflage beträgt inzwischen eine Million.

          Eine Welt bricht zusammen

          Jetzt erscheint in Paris eine Neuausgabe des Romans, der nie vergriffen war. Mit einem vierzig Seiten umfassenden Vorwort des Autors, „Big Other“ hat er es überschrieben. Das „Heerlager der Heiligen“ ist kein rassistisches Buch. Raspail hat die Welt bereist und bedrohte Völker besucht. Er beschrieb den Untergang von Zivilisationen, deren Kampf ums Überleben er unterstützte. Jetzt, glaubt er, ist das Ende der weißen Welt gekommen. Und am meisten bekümmert ihn, dass sie sich nicht verteidigt. „Das ‚Heerlager der Heiligen‘ ist ein Roman ohne Botschaft“, erklärt der Schriftsteller. Es handelt sich um eine faszinierende Geschichte. Um eine apokalyptische Vision. Sie besticht durch ihre Dramaturgie.

          Ein alter Professor sieht seine Welt zusammenbrechen und will sich mit seinem Gewehr wehren. Doch geschossen wird nicht. Die Armada der Hungernden verhält sich zivilisiert, man kann sie gar nicht aufhalten. Die Kunde von ihrem angekündigten Eintreffen erreichte die Nation in den Fernsehnachrichten. „In der gleichen Sekunde entdecken 65.742 Lehrer das Arbeitsthema für den nächsten Tag“: die Schüler müssen einen Aufsatz über das Leben an Bord schreiben. 7212 Gymnasiallehrer beginnen den Unterricht mit dem Thema Rassismus – so die Fiktion.

          Schicksal und Vision

          Raspail ist von den Zahlen und der Masse der Flüchtlinge besessen. Er beschreibt eine Demonstration in England, zu der die Einwanderer per Bahn anreisen. Sie haben Fahrkarten gekauft und pferchen sich auf engstem Raum zusammen, um den einheimischen Gentlemen, der die „Times“ liest, nicht zu stören. Es ist eine gewaltlose Invasion – die Menschen fallen ihr zum Opfer wie einer ideologischen Seuche, deren Gefahr sie gar nicht erkennen. Es ist ein bisschen wie in „Animal Farm“ und „1984“.

          Für die Unfähigkeit zum Widerstand und die Blindheit des Westens macht Raspail die höchste Ethik des Christentums, dessen Zivilisation er gleichzeitig verteidigen will, verantwortlich. Die Ereignisse, die er glänzend beschreibt, erscheinen als Schicksal. Und werden vierzig Jahre später als Vision gehandelt. Jean Raspail nimmt mit einer unglaublichen Weitsicht die Begründung einer antirassistischen Bewegung voraus, die zehn Jahr nach Erscheinen des Romans entstand. Ein gelbes Herz ist ihr Emblem bei Raspail, eine gelbe Hand wurde daraus in der Wirklichkeit von „SOS Racisme“. Der Papst im Buch ist ein Benedikt XVI., allerdings Brasilianer. Die Schätze des Vatikans hat er verkauft, um den Armen dieser Welt zu helfen. Der Islam spielt überhaupt keine Rolle: ihn respektiert Jean Raspail als große Religion. Die aber, sagt er heute, in Europa nichts zu suchen habe.

          Die europäische Minderheit

          Das neue Vorwort macht den Roman zu einem politischen Pamphlet, als das ihn Raspail bislang nie verstanden wissen wollte. Er zitiert die Briefe, die ihm beim Erscheinen der spätere Staatspräsident François Mitterrand und dessen Justizminister Robert Badinter, der die Todesstrafe abschaffte, schrieben. Er kann damit die linke Scheinheiligkeit kritisieren, für die es zum Zeitpunkt der Neuauflage herrliche Beispiele gibt: Die Gattin des mutmaßlichen sozialistischen Kandidaten gegen Sarkozy, Dominique Strauss-Kahn, hat die Islam-Debatte der Regierung als fast schon unmoralisch kritisiert und sich damit dem Vorwurf ausgesetzt, die Linke verdränge systematisch die akuten Probleme. Wie 1973.

          Während ihrer Zeit an der Macht haben die Sozialisten Gesetze gegen den Rassismus erlassen, von denen Jean Raspail heute behauptet, sein Roman würde sie verletzen: „Die Anwälte haben mich auf 87 Stellen verwiesen, die juristisch belangt werden könnten.“ Er war ein bewunderungswürdiger Außenseiter und sieht sich nun ein wenig selbstgefällig als Avantgarde der „politisch Unkorrekten“ und instrumentalisiert damit seine Vision. „Ich fühle mich als Franzose seit achtzehn Jahrhunderten und will es bleiben“, sagt der Fünfundachtzigjährige. Um die Mitte unseres Jahrhunderts, schreibt er in „Big Other“, wird in den Städten die Mehrheit der aktiven Bevölkerung außereuropäischer Herkunft sein. Doch ist diese Zukunft so viel schrecklicher als die Vergangenheit der Westgoten, auf die Raspail seine Abstammung zurückführt? Jedenfalls freut er sich derzeit, nicht mehr der „letzte Mohikaner“ zu sein.

          Topmeldungen

          Der britische Öltanker Stena Impero wurde von den iranischen Revolutionsgarden beim Durchfahren der Straße von Hormuz beschlagnahmt.

          Nach Festsetzen von Tanker : Krise am Persischen Golf spitzt sich zu

          In der Straße von Hormus überschlagen sich die Ereignisse: Iran stoppt zwei britische Tanker, einer wird noch immer von Teheran festgehalten. Die Regierung in London droht mit Konsequenzen – und Washington schickt Verstärkung nach Saudi-Arabien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.