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Flächenbrand im Nahen Osten : Die Schiiten und der sunnitische Führungsanspruch

Im Namen der Religion: Das schiitische Iran und das sunnitische Saudi-Arabien führen in Syrien einen zerstörerischen Krieg um die Vorherrschaft. Bild: dpa

Die Geschichte des Schiitentums ist nicht zuletzt ein Aufbegehren gegen den sunnitischen Führungsanspruch. In der Regel hatten die Sunniten die Macht – die Schiiten wirkten im Verborgenen.

          Schon die Ursache des Schisma, das die islamische Welt bis heute prägt, war ein politischer Machtkampf. Im sogenannten Ersten Bürgerkrieg der Jahre 656 bis 661 ging es um die Nachfolge des Kalifen, des Stellvertreters des Propheten Mohammed als politischer Führer des entstandenen Staatswesens. Die „Partei Alis“ (Schiat Ali) des vierten Kalifen, der Vetter und Schwiegersohn Mohammeds war, forderte, der rechtmäßige Führer der Gemeinschaft der Muslime müsse ein direkter Nachkomme Mohammeds und Alis sein. Bis heute erkennen sie die ersten drei Kalifen Abu Bakr, Omar und Othman, die nach dem Tod des Propheten von 632 bis 656 herrschten, nicht als rechtmäßig an. Die Gegner der Partei Alis vertraten hingegen den Grundsatz, dass der Nachfolger zum Stamm des Propheten, den Quraisch, gehören müsse; sie etablierten für sich erst später den Begriff Sunniten oder „Ahl al Sunna“, was sich in etwa als „Anhänger der bewährten Tradition“ übersetzen lässt.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Partei Alis verlor den Machtkampf. Sie entwickelte sich zu einer Konfession mit sowohl anderen Glaubensinhalten als auch politischen Konzepten, die unvereinbar mit den sunnitischen sind. Die Schia glaubt, Ali sei von Gott auserwählt gewesen; sie will die Führung nur dem anvertrauen, der das „Licht“ Alis und des Propheten in sich trägt. Der vierte Kalif und die ihm nachfolgenden Imame - wie die Schiiten die Nachkommen Alis nennen - wurden religiös überhöht, als unfehlbar und frei von Sünden angesehen. Für die Sunniten ist das entscheidende Kriterium, dass sich der Führer der Muslime in der Wirklichkeit durchsetzt, denn das sei ein Zeichen, dass ihn Gott auserwählt habe.

          Die Schlacht von Kerbela 680, die mit dem Märtyrertod des Prophetenenkels Hussein, des Sohnes von Ali, endete, trug entscheidend dazu bei, dass die Partei Alis zur zweiten großen islamischen Glaubensrichtung wurde. Eine Übermacht unter der Führung des Omayyadenkalifen Yazid metzelte Hussein und seine kleine Schar von Kämpfern nieder. Mit dem Blutbad war auch die Hoffnung der Schia vernichtet, ihren Imam als neuen Kalifen einzusetzen, und die Spaltung war besiegelt. Die Niederlage ist zentral für die schiitische Identitätsbildung und ist fest im kollektiven Gedächtnis verankert. Noch heute beweinen die Schiiten jedes Jahr dieses Ereignis. Kerbela steht bei ihnen für die Schlacht zwischen „Gut und Böse“ - auch für Verrat an Hussein, der nach schiitischer Lesart von seinen Gefolgsleuten im Stich gelassen wurde, so dass der Menschheit die Gerechtigkeit verlorengegangen sei.

          Schiiten wirkten im Verborgenen

          Auch heute sind die Sunniten in der Überzahl, sie machen knapp neunzig Prozent der Muslime aus. Die Geschichte des Schiitentums ist nicht zuletzt eine des Aufbegehrens gegen den sunnitischen Führungsanspruch. In der Regel hatten die Sunniten die Macht, die Schiiten wirkten im Verborgenen. Anders als der sunnitische Islam, dessen vier große Rechtsschulen sich gegenseitig anerkennen, zerfiel die Schia in unterschiedliche, sich separat entwickelnde Sekten. Eine von ihnen sind die Alawiten, zu denen der syrische Machthaber Baschar al Assad gehört. Die größte schiitische Konfession ist die sogenannte Zwölfer-Schia, der die schiitische Bevölkerungsmehrheit im Irak angehört und die seit dem 16. Jahrhundert Staatsreligion in Iran ist.

          Die Zwölfer-Schiiten glauben, dass der zwölfte Imam im Jahr 874 von Gott in die Verborgenheit entrückt wurde und als Mahdi als Erlöser wiederkehren wird, um der Welt Frieden und Gerechtigkeit zu bringen. Die sunnitischen Machthaber gelten ihnen als Usurpatoren. Die Islamische Revolution in Iran von 1979 hat dazu geführt, dass die Schiiten heute politisierter sind denn je. Der „Revolutionsexport“ sollte das Martyrium Husseins wiedergutmachen. Doch Chomeini scheiterte mit seinem Vorhaben. Ein entschiedener Gegner der persisch-schiitischen Expansionsbestrebungen war der sunnitische irakische Gewaltherrscher Saddam Hussein.

          Im Namen der Religion wurden immer wieder blutige Machtkämpfe ausgetragen. So führen das schiitische Iran und das sunnitische Saudi-Arabien in Syrien einen zerstörerischen Stellvertreterkrieg um die Vorherrschaft in der Region. Die Terroristen des „Islamischen Staats im Irak und in (Groß-)Syrien“ (Isis), die jetzt die schiitische Führung bedrängen, stehen in der Tradition des 2006 getöteten aus Jordanien stammenden Terrorführers Abu Musab al Zarqawi. Dessen Männer ermordeten im Irak Schiiten, weil sie diese als „falsche Muslime“, damit als Verräter und „Abtrünnige vom wahren Glauben“ und als vogelfrei ansehen. In der Gedankenwelt der Isis-Terroristen sind schiitische Muslime nicht besser als die „Ungläubigen aus dem Westen“. Nicht zuletzt der blutige Konflikt in Syrien hat dazu geführt, dass das antischiitische Moment in der Ideologie der Dschihadisten in den Vordergrund tritt.

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