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Extremistengruppe Isis : Dschihad-Tycoons mit voller Kriegskasse

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Dschihadisten vor einem erbeuteten irakischen Armeefahrzeug am Donnerstag nahe der umkämpften Ölraffinerie Baidschi Bild: AP

Der Feldzug der Dschihadisten im Irak steht finanziell auf einem soliden Fundament. Abermillionen Dollar haben sie erbeutet - unter anderem mit geraubter antiker Kunst. Auch der syrische Präsident Assad hat seine Hände im Spiel.

          Barry Abdul Lattif war den dunklen Machenschaften der Dschihadisten schon früh auf die Schliche gekommen. Im Spätsommer 2013, kurz nach dem Einmarsch der Einheiten des Islamischen Staats im Irak und in (Groß-)Syrien (Isis) in die Dörfer rund um seine Heimstadt al Bab machte der Demokratieaktivist publik, was er gemeinsam mit einigen Mitstreitern herausgefunden hatte: Tausende Jahre alte Antiquitäten nahe der türkischen Grenze hätten die Dschihadisten geraubt, unersetzbare Kulturschätze im Wert von Zehntausenden Dollar, wenn nicht sogar mehr. Schon bald marschierte eine Isis-Abordnung in Lattifs Büro auf: Er solle sich beim Emir einfinden, dem örtlichen Statthalter der Islamisten.

          Dort empfingen ihn finster dreinblickende Männer mit langen Bärten, einer von ihnen hatte einen Sprengstoffgürtel umgeschnallt. „Wir sind hier der Staat!“ schnaubte ein Kämpfer und stampfte mit seinem Gewehr auf den Boden. Der Emir machte Lattif unmissverständlich klar, dass er solche Schnüffeleien das nächste Mal anders ahdnen würde. Als Isis-Kämpfer ein paar Monate später die Stadt einnahmen, floh Lattif in die Türkei. Eine Rückkehr hält er für viel zu gefährlich – zumal nach den Entwicklungen der vergangenen zehn Tage: In Banken in Mossul sollen die Islamisten mehr als 600 Millionen Dollar erbeutet haben. Die Finanzierung ihrer Eroberungszüge dürfte damit auf Jahre gesichert sein.

          Schutzgelder und Grenzzölle

          Die größte Einnahmequelle ist jedoch der Raub antiker Schätze. Das fanden Agenten der amerikanischen CIA und des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6 heraus – kurz bevor Isis-Kämpfer Mossul einnahmen. 160 Speichersticks, voll mit Insiderinformationen über Rekrutierung, Struktur und Finanzierung des Terrornetzes, sei den Diensten von der irakischen Armee übergeben worden sein, berichtete am vergangenen Wochenende die britische Tageszeitung „Guardian“. Zwei Tage vor der Isis-Offensive habe ein Kurier des Isis-Kommandeurs Abdulrahman al Bilawi im Verhör den Namen seines Chefs gestanden, wenige Stunden später war dieser tot. In den Häusern Bilawis und von dessen Kurier seien die Datenträger sichergestellt worden.

          In die Türkei geflohen: Barry Abdul Lattif deckte die Kunstraubgeschäfte der Isis-Kämpfer auf.

          Namen und Pseudonyme aller ausländischen Isis-Kämpfer und ihrer Anführer fanden sich darauf, Codewörter, die Initialen der Isis-Informanten in Ministerien sowie die kompletten Finanzdaten der Organisation. Das vielleicht Interessanteste an dem spektakulären Zufallsfund: Die Terroristen verfügten schon vor dem Sturm Dutzender Banken über ein Vermögen in Höhe von rund 875 Millionen Dollar. In den von ihnen besetzen Gebieten in Syrien und den westirakischen Grenzprovinzen Anbar und Ninive flossen allein durch Schutzgelderpressungen und Grenzzölle Monat für Monat Hunderttausende Doller in die Kriegskasse von Isis-Anführers Abu Bakr al Baghdadi.

          Geld durch Geiselnahmen

          Durch Geiselnahmen ausländischer Helfer und Reporter kamen weitere Millionen hinzu. Allein für die Freilassung von vier französischen Berichterstattern im April soll die Regierung in Paris 18 Millionen Dollar bezahlt haben – im Juni vergangenen Jahres waren die Männer von einer islamistischen Gruppe verschleppt worden. Die Entführungsindustrie blüht vor allem in den Provinzen Idlib, Aleppo und Raqqa, wo Isis besonders stark ist. Weit mehr als hundert Berichterstatter sind seit Beginn der Revolution 2011 getötet und Dutzende inhaftiert worden; sie sitzen in den Gefängnissen des Regimes – vor allem aber in den Kellern der Dschihadisten des Islamischen Staates.

          Die Isis-Führer hatten von Beginn an auf eine solide Finanzierung ihrer Aktivitäten gesetzt. Nicht nur der Handel mit Antiquitäten – nach Angaben des „Guardian“ brachte allein ein 8000 Jahre alter Fund in al Nabuk westlich von Damaskus 36 Millionen Dollar ein –, sondern auch der Verkauf von Erdöl gehören dazu. In den zerfallenden Staaten des Nahen Ostens agieren ausgerechnet die Terroristen wie knallhart kalkulierende Geschäftsleute. Ihr Feldzug mit dem Ziel, ein islamisches Kalifat vom Tigris bis zum Mittelmeer zu errichten, steht zumindest finanziell auf solidem Fundament.

          Öl an die Regierung verkauft

          Schon seit Frühjahr 2013 verkaufe Isis Öl in Millionenhöhe aus den von ihnen besetzten Gebieten im Norden und Ostens Syriens an die Zentralregierung in Damaskus, berichtete im Januar die britische Tageszeitung „The Telegraph“. Die Diktatur Baschar al Assads bezahle die Terroristen für den Schutz von Öl- und Gaspipelines und erlaube den Transport in von Regierungstruppen gehaltene Gegenden, hätten britische MI6-Mitarbeiter herausgefunden. Eine lange Kooperation verbindet Assad mit den Dschihadisten. Nach dem amerikanischen Einmarsch in den Irak 2003 ließ das Regime die Extremisten von der Leine, um den Aufstand gegen die Besatzer anzuheizen. Als die Revolution im eigenen Land 2011 begann, entließ es Dschihadisten aus den Gefängnissen, um den Krieg im Krieg zwischen Isis, und Einheiten der moderaten Opposition, der Freien Syrischen Armee (FSA), am Laufen zu halten.

          Für Isis lohnt sich die Kooperation deshalb, weil Damaskus im Gegenzug für die Öl- und Gaslieferungen die Territorien der Terrorgruppe mit Elektrizität versorgt. Das ergaben Recherchen der „New York Times“, die von Regierungsmitarbeitern in Washington bestätigt wurden. Beim Kampf um die Herzen und Köpfe der Menschen in den vom Regime befreiten Gebieten ist das Gold wert: Nicht zuletzt umfassende Sozialleistungen, eine funktionierende Wasser- und Stromversorgung sowie niedrige Preise für Grundnahrungsmittel haben es den Isis-Dschihadisten ermöglicht, die vom Westen im Stich gelassenen FSA-Milizionäre in den Schatten zu stellen.

          Die Schattenseiten der Isis-Herrschaft bekommen Demokratieaktivisten wie der in die Türkei geflohene Barry Abdul Lattif zu spüren: Für ihn ist unter den bewaffneten Tugendwächtern kein Platz, Dutzende seiner Genossen sitzen in den Isis-Gefängnissen oder wurden ermordet. Und ein Ende der Verfolgung ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Angesichts des Vormarsches der Isis-Milizionäre Richtung Bagdad dürfte sich deren Finanzimperium weiter ausdehnen. Allein den Wert der in Mossul, Takrit und Baidschi eroberten Militärgüter berechneten die britischen Agenten mit 1,5 Milliarden Dollar.

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