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Eskalation in Gaza und im Westjordanland : Am Siedepunkt

Protest von jungen Palästinensern in Ost-Jerusalem am Donnerstag Bild: AFP

Israel steht eines der heißesten Wochenenden seit Jahren bevor. Immer häufiger ist von einer neuen Intifada die Rede. Bei der Beerdigung des ermordeten 16 Jahre alten Palästinensers kommt es zu gewaltsamen Zusammenstößen.

          Nur den Rettungswagen mit dem Leichnam von Mohammed Abu Khdeir ließen die Polizisten passieren. Die schwerbewaffneten Sicherheitskräfte hatten alle Zufahrtsstraßen in den Ostjerusalemer Stadtteil Schuafat abgeriegelt. Selbst am Stadtrand, wo das jüdische Viertel Ramat Schlomo, nur wenige Meter entfernt liegt, waren Beamte postiert. Etwa 2000 Menschen kamen zu der Beerdigung des jungen Palästinensers, der am Mittwoch ermordet aufgefunden worden war, dazu mehrere hundert Polizisten.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.


          „Warum sperrt man uns ein und lässt uns Palästinenser nicht um unseren Toten trauern, wie es die Israelis am Dienstag mit ihren drei entführten Studenten durften“, ärgert sich ein Passant, der aus sicherem Abstand beobachtet, wie junge Männer mit palästinensischen Flaggen immer wieder gegen die schwarz uniformierten Spezialkräfte anrennen, um den Weg ins Zentrum von Jerusalem freizukämpfen: Sie werfen mit Steinen und Feuerwerkskörpern, die Polizisten schießen mit Tränengas zurück.

          Sicherheitskontrollen: Die Armee wurde in Alarmbereitschaft versetzt

          Schuafat kommt schon seit Mittwochmorgen nicht mehr zur Ruhe. Die Szenen seit dem Fund der Leiche des 16 Jahre alten Palästinensers erinnern an die ersten Tage der zweiten Intifada: Sie begann im September 2000 mit Protesten in Jerusalem gegen den Besuch des damaligen Oppositionsführers Ariel Scharon auf dem Tempelberg. Sie endete erst fünf Jahre später, forderte mehr als 4000 Todesopfer.

          Die Polizei ermittelt noch

          Die Polizei ermittelt immer noch in dem Fall. Im Internet kursiert ein Foto, das angeblich den Toten zeigt. Der Leichnam wies auf dem Bild nicht nur Verbrennungen, sondern auch Spuren schwerster Misshandlungen auf. Bilder wie diese heizen die Stimmung unter den Menschen in Schuafat und in den Palästinensergebieten noch zusätzlich an; viele sind davon überzeugt, dass extremistische Israelis Mohammed abu Khdeir ermordet haben, um den Tod der drei entführten israelischen Religionsstudenten zu rächen.

          Die explosive Lage in Jerusalem, die die israelischen Sicherheitskräfte mit ihrer Barrikade um Schuafat zu isolieren versuchten, war am Freitag nur eine von zwei Fronten. Am Donnerstag waren mehr als 40 Raketen und Granaten aus dem Gazastreifen auf den Süden Israels abgefeuert worden. In der Nacht zum Freitag stellte die israelische Regierung der Hamas angeblich ein Ultimatum: Die Angriffe müssten binnen 48 Stunden aufhören, andernfalls drohe massive Vergeltung.

          Noch keine Einigung auf eine Waffenruhe

          Am Freitagmorgen berichtete der britische Sender BBC, dass die Hamas zu einer Waffenruhe bereit sei, wenn auch Israel seine Luftschläge beende. Weder in Jerusalem noch in Gaza-Stadt gab es bis zum Nachmittag eine offizielle Bestätigung für eine entsprechende Einigung, die ägyptische Vermittler zustande gebracht haben sollen. Es fiel auf, dass Israel am Freitag zunächst keine Vergeltungsangriffe auf Ziele in Gaza flog, von wo aus deutlich weniger Raketen abgefeuert wurden als in den Tagen zu vor. Die israelische Regierung hat nicht zuletzt wegen der äußerst angespannten Situation in Jerusalem derzeit kein Interesse an einer militärischen Konfrontation in Gaza.

          „Alles hängt zusammen. Jeder Stein, den Demonstranten im Westjordanland werfen, schützt Gaza vor einem Bombardement. Jede noch so kleine Rakete aus Gaza schützt wiederum die Palästinenser im Westjordanland und in Jerusalem vor einem härteren israelischen Vorgehen“, sagt der palästinensische Politikwissenschaftler Usama Antar aus Gaza-Stadt.

          Der militärische Handlungsspielraum Israels ist aus Angst vor einer neuen Eskalation stark eingeschränkt, was die Hamas und die anderen Terrorgruppen in Gaza offenbar als ein Zeichen der Schwäche deuten - und ihr Feuer verstärken. Für die Hamas bietet die Eskalation auch die Chance, aus ihrer Isolation auszubrechen: Auf einmal sind die Islamisten für Ägypten wieder ein Gesprächspartner, das die Hamas zuvor zur Terrorgruppe erklärt hatte.

          In Gaza ist zudem die Frustration über die neue palästinensische Einheitsregierung groß, die bisher mehreren zehntausend ihrer Beamten keine Gehälter zahlte. Die Hamas-Führung hat die letzte militärische Konfrontation mit Israel im November 2012 nicht vergessen. Sie versetzte zwar der militärischen Infrastruktur der Hamas einen harten Schlag, aber danach strömten ausländische Geber nach Gaza, um beim Wiederaufbau zu helfen. Damals war der Konflikt nur auf den Gazastreifen begrenzt, im Westjordanland und Ostjerusalem blieb es ruhig. Dieses Mal ist es anders.

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