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Ehrenmorde im Westjordanland : Und alle sehen weg

  • -Aktualisiert am

„Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte“: Szene aus einem Videoclip der Hiphop-Gruppe DAM Bild: DAM

Im Westjordanland werden Ehrenmorde als Teil der Kultur geduldet. Doch viele Palästinenser wollen das nicht mehr akzeptieren. Wer das Problem in der Öffentlichkeit thematisiert, begibt sich aber weiterhin selbst in Gefahr.

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          Imtiyas Mughrabi lächelt viel. Besonders, wenn sie von traurigen oder gefährlichen Dingen spricht. „Ich habe Glück. Meine Eltern sind Analphabeten. Sie haben keine Ahnung, was ich tue“, sagt die quirlige Palästinenserin mit dem roten Kopftuch, bevor sie die dicke Stahltür ihres versteckten Souterrains abschließt. „Wenn meine Brüder herausfänden, wie ich meinen Lebensunterhalt verdiene, würden sie mich einsperren, bis ich aufhöre“, sagt sie und lacht. Humor hilft ihr bei ihrer Arbeit: Seit Jahren schreibt sie in der Frauenbeilage der wichtigsten arabischen Tageszeitung „Al Hayat“ über Frauenrechte. Ihr Spezialgebiet sind Ehrenmorde. Straftaten, die alle am liebsten vergäßen.

          Wie der Mord an Nancy Zabun. Die 28 Jahre alte Mutter dreier Kinder hatte ihren Ehemann Shadi verlassen, weil der sie schlug. Die Polizei ignorierte den Fall. Nancy fand in einem der drei Frauenhäuser Palästinas Zuflucht - eine schwere Schmälerung Shadis männlicher Ehre. Anfang August 2012 stieß sie am helllichten Tag in den Gassen des Marktes von Bethlehem wieder auf ihren gedemütigten Mann. Er drückte sie an die Wand und schlitzte ihr den Hals auf. „Sie schrie nur einmal. Er schlachtete sie wie ein Schaf“, gab einer der vielen Augenzeugen später zu Protokoll. Blut strömte auf ihre Jeans, das Türkisfarbene Hemd, die blondierten Haare. Shadi stand in der Lache und rief: „Ich bin Polizist.“ Bis heute, sagt Mughrabi, wurde Shadi nicht verurteilt. Und selbst wenn er vor Gericht kommen sollte, würde er wohl nur leicht bestraft. Denn wie in den meisten arabischen Ländern steht es um Frauenrechte in Palästina denkbar schlecht.

          Nach dem Schuldspruch ein freier Mann

          In einem UN-Bericht von 2011 heißt es, gesellschaftliche Normen behinderten „die Bewegungsfreiheit von Frauen, ihren Zugang zu Arbeitsplätzen, Gesundheitsversorgung, Bildung und die Ausübung ihrer Menschenrechte.“ Laut einer Studie der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch aus dem Jahr 2006 haben nur ein Prozent der Frauen Autos und nur 14 Prozent einen Arbeitsplatz - im Gegensatz zu 68 Prozent der Männer. Polygamie ist legal, Frauen können keine Scheidung fordern, bei einer Trennung geht das Sorgerecht automatisch an den Vater. Ein physischer Angriff auf eine Frau werde erst dann strafrechtlich verfolgt, wenn das Opfer länger als 20 Tage im Krankenhaus lag. War das Opfer weniger als 10 Tage auf Station, werde der Fall oft als irrelevant abgelehnt.

          Nichts veranschaulicht die Unterlegenheit der Frau jedoch mehr als die Morde, die begangen werden, um die „Familienehre“ zu bewahren. Paragraph 340 des Strafgesetzbuches hält fest: „Wer seine Frau oder eine heiratsfähige Frau beim Ehebruch oder Betrug ertappt und sie ermordet, hat Anrecht auf mildernde Umstände.“ Paragraph 98 bestimmt, dass „denjenigen, die ihre Straftat in einem Zustand tiefer Empörung begehen, weil das Opfer sie beleidigt hat“, ebenfalls ein milderes Strafmaß zusteht. „Selten sitzen Mörder, die sich darauf berufen, dass sie die Familienehre bewahren wollten, mehr als sechs Monate in Haft“, sagt Mughrabi. Wenn der Angeklagte in Haft ein halbes Jahr lang auf seinen Prozess wartet, geht er nach dem Schuldspruch oft als freier Mann nach Hause.

          Polizei ist ein Teil des Problems

          „Deswegen wird der Vorwand des Ehrenmords in unserer Gesellschaft oft missbraucht, um sich unbequemer Personen zu entledigen“, sagt die Filmemacherin Buthaina Khouri. Im Film „Marias Grotte“ erzählt sie die Geschichte eines Mädchens aus ihrem Heimatort Taibeh. Maria ist dort eine Legende, „ein Gespenst, mit dem man Kindern Angst einflößt“. Nach und nach deckte sie die Hintergründe des verschwundenen Mädchens auf: „Sie war 16 Jahre alt, Vollwaise“, erzählt Khouri. „1936 wurde sie von ihrer Stiefmutter ermordet, weil sie die ganze Erbschaft an sich reißen wollte. Die Leiche versteckte sie in der Grotte einer Kirchenruine.“ Erst 2005 habe es in ihrem Dorf wieder einen Ehrenmord gegeben, sagt Khouri. „Ein Mann wurde beschuldigt, eine Affäre mit einer Frau aus dem Nachbardorf zu haben. Sie war schwanger. Ihre Brüder vergifteten sie und steckten 14 Häuser der Sippe des Mannes in Brand. Sie musste aus dem Dorf fliehen.“

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