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Dschihadisten in Syrien : Der nützliche Feind

  • -Aktualisiert am

Regierungstreue Truppen erobern in Syrien Städte von den Rebellen zurück. Bild: REUTERS

Vor etwa einem Jahr musste der syrische Diktator Baschar al Assad noch amerikanische Luftangriffe fürchten. Nun bringt er sich im Kampf gegen das Dschihadisten-Kalifat des „Islamischen Staates“ selbst als Partner des Westens ins Spiel.

          Der syrische Machthaber Baschar al Assad hat dieser Tage Grund zu feiern. Vor etwa einem Jahr musste er nach dem Giftgasangriff auf Vororte von Damaskus mit mehr als 1300 Toten noch amerikanische Luftangriffe fürchten. Inzwischen sitzt er so fest im Sattel wie seit Beginn des Aufstands gegen sein Regime nicht mehr – und kann sich sogar dem Westen als Partner im Kampf gegen den Terror andienen. Im Kampf gegen die im syrischen Bürgerkrieg groß gewordene Dschihadistengruppe „Islamischer Staat“. „Syrien verurteilt die Angriffe auf den Irak und Kurdistan“, sagte sein Informationsminister Omran al Zobi am Dienstag und bot den Austausch von Informationen und humanitäre Unterstützung an. „Niemand kann den Terror allein bekämpfen“, sagte er.

          Nachdem das Regime in Damaskus die Dschihadisten im eigenen Land lange gewähren ließ, haben die Truppen Assads in den vergangenen Wochen vermehrt Stellungen rund um das nordsyrische Raqqa angegriffen. Die Provinzhauptstadt wird seit Frühjahr 2013 von den Kämpfern des selbsternannten Kalifen Ibrahim alias Abu Bakr al Bagdadi kontrolliert und ist neben Mossul das wichtigste Zentrum von dessen Terrorstaat. Assads Informationsminister Zobi behauptete nun: Auch wenn kurdische Funktionäre das bestritten, die syrische Armee unterstütze die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) in ihrem Kampf gegen den „Islamischen Staat“.

          Schon seit dem Beginn des Syrien-Konflikts präsentiert Assad sich als Beschützer der Minderheiten gegen radikale Islamisten – und er verweist stets auf seine lange Erfahrung im Kampf gegen die islamistischen Terroristen. Dabei hatte der Krieg zwischen den Dschihadisten Bagdadis und anderen Rebellengruppen Assad nur wertvolle Zeit geschenkt. Während sich islamistische Milizen wie die Nusra-Front und die Islamische Front oder auch die Freie Syrische Armee im Frühjahr den Einheiten des „Islamischen Staates“ entgegenstellten, konnte der Machthaber seine eigenen Truppen sammeln.

          Seither sind Assads Truppen auf dem Vormarsch, und als Alternative zum alawitischen Machthaber in Damaskus erscheint nicht mehr dessen Sturz wahrscheinlich zu sein, sondern eher ein Sieg des „Islamischen Staats“. In den vergangenen Tagen rückten Einheiten des Regimes ebenso wie die Dschihadisten näher an das Zentrum des der Stadt Aleppo heran, wo sich im August 2011 Oppositionelle dem Aufstand gegen Assad angeschlossen hatten. Drei Jahre später sind die freiheitlich gesinnten Regimegegner in der zerstörten Handelsstadt weitgehend zerschlagen – aufgerieben im Kampf an zwei Fronten: gegen das Regime und gegen den „Islamischer Staat“. Dessen Aufstieg zur stärksten militärischen Kraft im Rebellenlager hatte Assad zunächst befördert. Viele inhaftierte Dschihadisten entließ er im ersten Revolutionsjahr aus den Gefängnissen; sie schlossen sich den Hunderten islamistischen Milizen an, die mit der anfangs säkularen Freien Syrischen Armee wenig anfangen konnten. Der Feind meines Feindes ist mein Freund, lautete lange die Devise in Damaskus. Stillschweigend ließ man die Dschihadisten in Landesteilen gewähren, in denen die Regierung längst die Kontrolle verloren hatte. Es heißt auch, dass das Regime über Mittelsmänner Treibstoff aus Bagdadis Kalifat beziehe.

          Angesichts der Erfolge der Einheiten Bagdadis im Irak bringt sich Assad nun als Partner Europas und Amerikas im neuen Krieg gegen den Terror ins Spiel. In Damaskus dürfte man den Aufruf des französischen Präsidenten François Hollande genau zur Kenntnis genommen haben, der eine internationale Konferenz ankündigte, um Wege zur Bekämpfung des Islamischen Staats zu finden. Informationsminister Zobi hatte ja deutlich gemacht gesagt, dass die Expansion der Dschihadisten nur mit vereinten Kräften zu verhindern sei. Und dass Damaskus zu geheimdienstlicher und militärischer Kooperation bereit sei.

          „Islamischer Staat“ brüstet sich mit Enthauptung eines Journalisten Die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ hat ein Propagandavideo verbreitet, auf dem die Enthauptung des amerikanischen Journalisten James Foley zu sehen sein soll. Das Video wurde inmitten einer Wüstenlandschaft aufgenommen. Ein in schwarz gekleideter, maskierter Mann, der sich als Kämpfer der Dschihadistengruppe zu erkennen gibt, bezeichnet seine auf dem Boden kniende Geisel als amerikanischen Bürger, dessen Regierung den „Islamischen Staat“ an vorderster Front bekämpfe. Der Gefangene ist in einen orangefarbenen Overall gekleidet, der wohl an die Gefangenenkleidung im amerikanischen Lager Guantánamo erinnern soll, wo zahlreiche Dschihadisten einsitzen. Das Video beginnt mit einer Sequenz, in der Präsident Barack Obama seine Entscheidung für die Luftangriffe im Irak darlegt. Der Ermordete äußerte vor seiner Enthauptung - mutmaßlich unter Zwang - scharfe Kritik an den amerikanischen Luftangriffen und einen Appell an Freunde und Familie, sich dieser Politik entgegenzustellen. Die Extremisten drohten mit der Ermordung einer weiteren amerikanischen Geisel, bei der es sich um den Journalisten Steven Sotloff handeln soll. Der maskierte Henker sprach mit britischem Akzent, der britische Außenminister Philip Hammond sagte dem Sender BBC, es handle sich anscheinend um einen Briten. Der Vorfall zeige das Ausmaß, in dem die Terrorgruppe eine Gefahr auch für Großbritannien geworden sei. Eine Bestätigung, dass es sich bei dem Ermordeten tatsächlich um den freiberuflich arbeitenden Journalisten Foley handelte, gab es zunächst nicht. In einer ersten offiziellen Stellungnahme des amerikanischen Nationalen Sicherheitsrates hieß es, Sicherheitsbehörden und Geheimdienste prüften den Fall. Die Mutter Foleys trauerte in einer Mitteilung auf einer Facebook-Seite, welche die Familie nach der Entführung Foleys eingerichtet hatte, um ihren Sohn, „der sein Leben gegeben hat, um der Welt das Leid der syrischen Bevölkerung zu zeigen“. Der 40 Jahre alte Foley berichtete unter anderem für die Nachrichtenagentur AFP und das Internet-Nachrichtenportal Global Post. Er war bereits 2011 in Libyen von Kräften des zerfallenden Gaddafi-Regimes verschleppt und für mehrere Wochen festgehalten worden. Das Video, das seine Ermordung zeigen soll, reiht sich in eine Vielzahl von aufwendig produzierten Filmen ein, die Bilder von Greueltaten der Dschihadisten im Stil von Actionfilmen und Musikvideos aufbereiten. Die Gruppe „Islamischer Staat“, welche die Grausamkeit ihrer Kämpfer und die Angst, die sie verbreiten, als strategische Waffe nutzt, betreibt eine professionelle und kostspielige Propagandaarbeit. Als das Foley-Video mit dem Aufruf zur Verbreitung ins Internet gestellt wurde, gab es zugleich Aufrufe, die Bilder nicht zu zeigen, um den Extremisten nicht in die Hände zu spielen und sich ihrer Bildsprache zu bedienen. Der selbsternannte Kalif des „Islamischen Staates“, Abu Bakr al Bagdadi, erinnert in seiner Inszenierung an den getöteten jordanischen Dschihadisten Abu Musab al Zarkawy, dessen Kämpfer im irakischen Bürgerkrieg nach dem Sturz Saddam Husseins wüteten. Auch unter seiner Regie wurden Geiseln vor laufender Kamera enthauptet. Es werden noch Dutzende westliche Geiseln in der Hand radikaler Islamisten in der Levante vermutet. In Syrien haben sich kriminelle Banden auf die Entführung von Ausländern spezialisiert. Washington hat europäische Regierungen für Lösegeldzahlungen an dschihadistische Terrorgruppen kritisiert, denen so eine gute Einkommensquelle eröffnet werde. (cheh.)

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