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Syrien : Drusen rufen zum Kampf gegen Assad auf

  • -Aktualisiert am

Kämpfer der Al-Nusra-Front in Nordsyrien (Aufnahme aus dem Jahr 2013) Bild: AP

Der Drusenführer Walid Dschumblat im Libanon hält den Einsatz des Westens gegen den „Islamischen Staat“ für verfehlt. Wenn sich Iran, Saudi-Arabien, die Türkei, Amerika und Russland nicht einigten, werde der Syrien-Krieg noch sehr lange dauern.

          Über den hohen Flügeltüren, die den Weg ins Empfangszimmer von Walid Dschumblat öffnen, hängt ein Gewehr. Auf dem großen Salontisch in der Mitte des Raumes liegen Stapel von Büchern und Zeitschriften. „Der Jüdische Staat“ von Theodor Herzl und Henry Kissingers „World Order“ sind darunter, „Die Yeziden“ und „Don’t Be Afraid of the Bullets“ lauten andere Titel. Vor dem Einsatz von Gewalt schreckte der Drusenführer selbst nie zurück: Seine Milizen verübten etliche Massaker während des Libanon-Krieges. „Wie, wenn nicht mit Waffen, soll man Baschar al Assad stürzen?“, fragt der zum Politiker gewandelte Warlord ungerührt.

          Vier Jahre ist es her, seitdem sich im Dezember 2010 in der tunesischen Provinz ein Gemüsehändler aus Protest gegen ausbeuterische Arbeitsbedingungen selbst anzündete – und damit den Funken legte, der innerhalb weniger Wochen die Regime in Tunesien und Ägypten wegfegen sollte. Kurze Zeit später begann auch der Aufstand gegen die Diktatur in Damaskus, der sich in nur einem Jahr in einen bewaffneten Konflikt wandelte. Doch anders als in Nordafrika endete die Revolution im Gründungsstaat der Arabischen Liga nicht mit dem Sturz des Gewaltherrschers. „Assads Ziel war es, einen Konfessionskrieg anzuzetteln, und das ist ihm gelungen“, sagt Dschumblat.

          Drusische Geiseln in Dschihadistenhand

          200.000 Tote hat der Konflikt bereits gefordert, doch alle Versuche, ihn auf dem Verhandlungsweg zu beenden, sind bislang gescheitert, zuletzt Anfang des Jahres in Genf. Die Vereinten Nationen „verbrannten“ beim Versuch, den Konflikt politisch zu lösen, sogar einen früheren Generalsekretär, Kofi Annan. Dass nun der italienisch-schwedische Diplomat Staffan de Mistura im Auftrag Ban Ki-moons lokale Waffenstillstände aushandeln soll, quittiert Dschumblat mit einem Kopfschütteln. „Der Annan-Plan sah den Rückzug der Armee aus den großen Städten, die Freilassung politischer Gefangener und die Bildung einer Übergangsregierung vor“, sagt er. „Hat die internationale Gemeinschaft das alles schon vergessen?“ Dass sich Tausende Sunniten dem syrischen Arm Al Qaidas, der Nusra-Front, angeschlossen haben, um ihr Überleben zu sichern, könne er daher nur allzu gut verstehen.

          Verständnis für Sunniten in der Al-Nusra-Front: Drusenführer Walid Dschumblat (Aufnahme aus dem Jahr 2013 in Paris)

          Auch sei er der Letzte, der die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ kritisieren werde, sagt Dschumblat und lacht: „Tut mir leid.“ Anders als noch im Sommer 2012, als Russland und Amerika im Genfer Kommuniqué ein Kabinett aus Oppositions- und Regimevertretern vorgeschlagen hatten, sei eben nicht mehr die Freie Syrische Armee (FSA) die wichtigste bewaffnete Oppositionsmiliz. „Wer an den Verhandlungstisch gehört, ist die Nusra-Front.“ Für einen Beamten im Außenministerium in Washington sei es vielleicht einfach, „die Gruppe als terroristische Organisation abzutun“. Doch „hier auf dem Boden“ sehe die Lage anders aus, da müsse man zu Kompromissen kommen. Mehr als zwanzig libanesische Polizisten und Soldaten halten die Dschihadisten seit August als Geiseln, unter ihnen auch drusische Rekruten – ein Grund, der die abwägende Haltung Dschumblats erklärt.

          Verachtet als skrupelloser Wendehals

          Der 65 Jahre alte Politiker ist berüchtigt für seine überraschenden Seitenwechsel: 2003 unterstützte er die amerikanische Invasion im Irak, nur um wenig später dem damaligen Präsidenten George W. Bush imperialistische Machtpolitik vorzuwerfen. Auch heute hat er kein Problem damit, einerseits den Sturz Assads zu fordern und zugleich dem wichtigsten libanesischen Verbündeten des syrischen Diktators, der Hizbullah, die Stange zu halten. Viele im Libanon verachten ihn deshalb als skrupellosen Wendehals.

          Doch seit der Ermordung seines Vaters während des Bürgerkrieges 1977 muss der Drusenführer immer wieder aufs Neue ausloten, wie er die Angehörigen seiner verstreut im Libanon, Syrien und Israel lebenden Glaubensgruppe schützen kann. Dass sich der Vorsitzende der Sozialistischen Fortschrittspartei (PSP) dabei selbst in ideologische Widersprüche verstrickt, ist ihm bewusst: „Ich bin säkular eingestellt, aber als Führer der Drusen muss ich auch religiöse Interessen verteidigen.“

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