https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/naher-osten/die-tuerkei-und-syrien-ankaras-sorge-um-die-neue-freundschaft-1621779.html

Die Türkei und Syrien : Ankaras Sorge um die neue Freundschaft

Wichtige Verbündete: Tayyip Erdogan (links) und Bashar al Assad Bild: AP

Das türkische Verhältnis zu Syrien hat sich in dem Maß verbessert, in dem sich jenes zu Israel verschlechterte. Darum verurteilte Ministerpräsident Erdogan die Gewalt gegen Demonstranten auffallend zögerlich.

          2 Min.

          Schon lange bevor er Außenminister seines Landes wurde, hatte Ahmet Davutoglu seinen wichtigsten außenpolitischen Grundsatz formuliert: Die Türkei könne nur dann die angestrebte Rolle in der internationalen Politik ausfüllen, wenn sie ihre diplomatischen Ressourcen nicht länger in den vielen Nachbarschaftsstreitigkeiten aufbraucht, die ihre Außenpolitik seit Dekaden begleiten. Das Ziel müsse es daher sein „Null Probleme mit Nachbarn“ zu haben, gab Davutoglu vor. Doch die Wirklichkeit hinkt dem Anspruch oft hinterher. Das spannungsgeladene Verhältnis mit Griechenland bleibt von alten Konflikten gezeichnet, die Annäherung an Armenien versandete im Gestrüpp innenpolitischer Rücksichtnahmen. Prächtig entwickelten sich hingegen die türkisch-syrischen Beziehungen. Mit dem Regime in Damaskus kam man in Ankara bis vor kurzem bestens aus.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Inzwischen hat zwar auch der türkische Ministerpräsident Tayyip Erdogan die Gewalt des syrischen Regimes gegen das Volk verurteilt, doch die klaren Worte kamen auffallend zögerlich und spät. Überraschend war das nicht, denn für Ankara steht viel auf dem Spiel. Sollte das Regime in Damaskus fallen, fiele zumindest kurzfristig auch ein wichtiger politischer Verbündeter Ankaras aus.

          Das türkische Verhältnis zu Syrien hat sich in den vergangenen Jahren in dem gleichen Maße verbessert, wie sich die Beziehungen zu Israel verschlechterten. Stand man noch 1998 kurz vor einem Krieg wegen der syrischen Unterstützung für die kurdische Terrororganisation PKK und ihren Führer Öcalan, hält man inzwischen gemeinsame Manöver ab. Erdogan bot dem syrischen Präsidenten Assad, zeitweilig durchaus mit Erfolg, Vermittlungsdienste bei der „Resozialisierung“ Syriens in die Staatengemeinschaft an. Das brachte Erdogan auch innenpolitisch Pluspunkte, denn eine Annäherung an Syrien kommt bei der anatolischen Basis seiner Partei, der AKP, weitaus besser an als das einstige kemalistische Elitenprojekt einer Kooperation mit Israel.

          „Freundschaftsdamm“ zwischen Syrien und der Türkei

          Auch wirtschaftlich sind sich Syrien und die Türkei sehr nahe gekommen. Der alte, in seiner politischen Sprengkraft kaum zu unterschätzende Streit um Wasserrechte soll durch den gemeinsamen Bau eines „Freundschaftsdamms“ am Asi Nehri (dem Orontes der Antike) entschärft werden. Seit im Jahr 2007 das türkisch-syrische Freihandelsabkommen in Kraft trat, zeichnet sich allerdings eine wachsende wirtschaftliche Abhängigkeit Syriens von der Türkei ab. So importierte Syrien im Jahr 2009 Waren im Wert von mehr als 1,1 Milliarden Dollar aus der Türkei, führte aber nur Erzeugnisse im Wert von gut 210 Millionen Dollar in die Türkei aus. Von einigen syrischen Geschäftsleuten hört man die Klage, die Wirtschaft Syriens sei dem moderneren und wendigeren Unternehmertum der Türken nicht gewachsen und werde überrollt. Die meisten Bürger stört das wenig. Vor allem in Grenzprovinzen wie Antakya und Aleppo blüht der Handel.

          Topmeldungen

          Der Getreidefrachter Zhibek Zholy ist wieder frei.

          Ukraine verärgert : Türkei lässt russischen Getreidefrachter frei

          Am vergangenen Wochenende setzte die Türkei einen russischen Frachter mit Tausenden Tonne Getreide an Bord fest, das laut Kiew aus der Ukraine stammt. Nun lässt die Türkei das Schiff wieder frei – zum Unmut der Ukrainer.
          Der Angeklagte Franco A. äußert sich vor dem Prozess in Frankfurt gegenüber Journalisten.

          Prozess gegen Franco A. : Der angebliche Flüchtling

          Seit Mai 2021 steht Franco A. – Oberleutnant der Bundeswehr, 33 Jahre alt, Vater von drei Kindern – vor Gericht. Er soll eine schwere staatsgefährdende Gewalttat geplant haben, bald wird das Urteil fallen. Die Verhandlung hat Düsteres offenbart.
          Außenministerin Annalena Baerbock (Grüne) bei ihrer Ankunft auf Bali am 7. Juli

          Probe Außenministertreffen : Was tun, wenn Putin demnächst teilnimmt?

          Beim G-20-Gipfel auf Bali sitzt auch Moskau mit am Tisch. Außenministerin Baerbock sagte darum gleich zu Beginn: „Wir alle haben ein Interesse daran, dass internationales Recht geachtet und respektiert wird.“
          Höchste Vorsicht: Ein Mitarbeiter des Gesundheitsdiensts wartet am Dienstag in Schanghai auf Testwillige.

          Kritik an Chinas Politik : Xi in der Null-Covid-Schleife

          Aus Frust über die Lockdown-Politik von Staats- und Parteichef Xi Jinping wollen viele Chinesen auswandern. Doch den meisten bleibt nur die Hoffnung auf bessere Zeiten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.