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Aufstand im Irak : Alle Wege führen nach Arbil

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In Alarmbereitschaft: Kurdische Gardisten der Peschmerga an ihrem letzten Kontrollpunkt vor Mossul Bild: Getty Images

Während die Amerikaner im Irak-Konflikt Gespräche mit dem Erzfeind Iran vorbereiten, sieht die kurdische Führung im Irak ihre Chance für eine Unabhängigkeit gekommen. Eine Chance, die aber auch Gefahren birgt.

          Von der Aufregung, die angesichts des Vormarsches der Terrorgruppe Isis im Zentralirak herrscht, ist in Arbil nichts zu spüren. Und das, obwohl Hunderttausende Flüchtlinge und Hunderte Deserteure der irakischen Armee vor den Isis-Kämpfern in die autonomen Kurdengebiete geflohen sind. Ruhig und besonnen werde seine Regierung auf die Krise reagieren, ließ Ministerpräsident Nechirvan Barzani am Wochenende nach einem Krisentreffen mit seinem Militärstab wissen. Nur politisch lasse sich der Konflikt lösen, in den die Blitzoffensive des „Islamischen Staats im Irak und (Groß-)Syrien“ (Isis) das Land gestürzt hat.

          Während Iraks Ministerpräsident Nuri al Maliki Freiwillige in Samarra und Bagdad panisch zu den Waffen rief, um die Einnahme weiterer Städte durch die Isis-Terroristen zu verhindern, geht die Führung in Arbil weitaus strategischer vor. Sie kalkuliert ihr Vorgehen sehr genau, denn der Rückzug der Armee von den Grenzen zur Autonomieregion der Kurden birgt für diese neben Chancen auch erhebliche Gefahren: Sollte es der Allianz aus Isis-Dschihadisten, entlassenen Offizieren der Streitkräfte Saddam Husseins und alten Baath-Kadern tatsächlich gelingen, die Nachbarprovinz Ninive dauerhaft zu kontrollieren, stünden jene Kräfte, die mit dem Sturz des Diktators 2003 eigentlich entmachtet schienen, nur wenige Kilometer von Arbil, Dohuk und Suleimanije entfernt.

          Kurden profitieren

          Seit fast einer Woche sind die Einheiten der kurdischen Regionalgarde deshalb in Alarmbereitschaft. Die Regionalregierung KRG teilte nach dem Krisentreffen in Arbil mit, künftig dürfe sich nur noch Generalleutnant Jabbar Yawar, der Peschmerga-Sprecher, zu militärischen Fragen äußern. Wie vor dem Sturz des Diktators Saddam Hussein ist die Kurdenhauptstadt wieder zum Sammelpunkt von Gegnern der Zentralregierung geworden, die sich zugleich von Isis an den Rand gedrängt fühlen.

          Aus Anbar, Ninive und Salahuddin haben sich sunnitische Stammesführer in die kurdischen Gebiete zurückgezogen. Auch der Gouverneur von Mossul, Athil Nudschaifi, residiert seit dem Fall seiner Stadt in der vergangenen Woche in Arbil. Fieberhaft schmieden die von Isis über Nacht entmachteten sunnitischen Notabeln nun Allianzen, um den langen Streifen den Tigris von Mossul hinab Richtung Bagdad zurückzugewinnen. Nudschaifi kündigte die Bildung von Volkskomitees zur Rückeroberung von Mossul an, von „Kampfeinheiten der Söhne der Stämme“ ist die Rede. Allerdings sei es dazu noch zu früh, die Lage sei zu unklar, geben Scheichs aus den Provinzen zu bedenken: Da große Teile der Bevölkerung die Vertreibung der verhassten Armee begrüßten, werde es schwierig, schnell eine starke Koalition gegen die von manchen als Befreier empfundenen Dschihadisten zu schmieden. Hinzu kommt, dass das sunnitische Lager gespalten ist: Der stellvertretende Regierungschef Salih al Mutlaq etwa unterstützt Maliki.

          Davon hat zunächst einmal die Kurdenführung profitiert. Unmittelbar nach dem Fall Mossuls gab Präsident Massud Barzani Peschmerga-Einheiten den Marschbefehl nach Kirkuk. Geschickt nutzte er das Vakuum aus, das nach dem Abzug der Regierungssoldaten aus der lange zwischen Arbil und Bagdad umstrittenen Stadt entstanden war. Befürchtungen, die kurdische Regionalgarde könnte weiter Richtung Süden verstoßen, zerstreute ein KRG-Sprecher am Sonntag allerdings. Der Beschluss zur Übernahme Kirkuks sei von „Loyalität“ zum Gesamtstaat und „nationaler Verantwortung“ für die Stabilität des Landes getragen gewesen, sagte er. Um Kurden, Sunniten, Schiiten, Araber und Turkmenen gleichermaßen zu schützen, würden die Peschmerga lediglich ihre Verteidigungsstellungen halten.

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