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Die Jagd auf Bin Ladin : Viele verpasste Gelegenheiten

11. September 2001: Der damalige Präsident George W. Bush erfährt von den Anschlägen auf das World Trade Center Bild: AFP

Weder Präsident Clinton noch seinem Nachfolger Bush gelang es, Amerikas Staatsfeind Nummer eins dingfest zu machen. Beide zauderten in entscheidenden Momenten - und misstrauten ihrem Geheimdienst.

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          Am Abend des 20. August 1998 feuerten amerikanische Kriegsschiffe im Arabischen Meer Marschflugkörper auf ein Ausbildungslager für Terroristen nahe der ostafghanischen Stadt Khost. Es sollte die Vergeltung sein für die simultanen Anschläge auf zwei amerikanische Botschaften in Afrika zwei Wochen zuvor.

          Thomas Gutschker

          Redakteur im Ressort Politik in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In seiner Fernsehansprache machte Präsident Clinton Usama Bin Ladin verantwortlich für die Bluttaten, bei denen 223 Personen getötet und mehr als 4000 verletzt worden waren. Er nannte das Terrornetzwerk Al Qaida nicht beim Namen, bezeichnete Bin Ladin aber als den „vielleicht wichtigsten Organisator und Finanzier des internationalen Terrorismus in der heutigen Welt“. Die Marschflugkörper trafen ihre programmierten Ziele genau, sie töteten 20 bis 30 Personen - aber keinen einzigen der Terrorführer, die Washington dort vermutet hatte, Bin Ladin eingeschlossen.

          Für Clinton und den Geheimdienst CIA war das eine Blamage, für Amerikas noch jungen Kampf gegen den nichtstaatlichen Terrorismus eine Stunde der Wahrheit: Sie machte Usama Bin Ladin zum Staatsfeind Nummer eins, und sie führte der Weltmacht zugleich ihre Ohnmacht vor Augen. Sie konnte mit millionenschwerer Hochtechnologie auf Lehmhütten und Zelte schießen, doch ihre Gegner waren schneller und wendiger.

          Seine Pläne kamen zu spät: General Tommy Franks

          Washington war tief zerstritten über die Konsequenzen. Republikaner um Newt Gingrich forderten mehr als nur „Nadelstiche“ gegen Al Qaida; sie wollten alle denkbaren Mittel einsetzen, um Bin Ladin auszuschalten. Die Regierung Clinton schwankte; am Ende setzten sich jene durch, die eine weitere Blamage befürchteten.

          Als George W. Bush ins Weiße Haus einzog und mit den Anschlägen vom 11. September 2001 herausgefordert wurde, bestimmten die Hardliner den Kurs. Doch auch ihnen gelang es nicht, Bin Ladin zur Strecke zu bringen.

          Eine neue Form von nichtstaatlichem Terrorismus

          Erst in der Aufarbeitung der Vorgeschichte jenes 11. Septembers wurde klar, dass Amerika seine besten Chancen, den Al-Qaida-Chef auszuschalten, viel früher vertan hatte. Nach den Angriffen vom August 1998 war Bin Ladin dauerhaft auf der Flucht, er wechselte wohl täglich seinen Aufenthaltsort und ließ nur enge Gefolgsleute davon wissen. Im Dezember 2001 flüchtete er über die Grenze nach Pakistan - und tauchte unter in Strukturen, die ihm zehn Jahre lang Schutz gewähren sollten. In all diesen Jahren gab es immer wieder Berichte und Gerüchte über seine angeblichen Aufenthaltsorte, doch sie erwiesen sich stets als voreilig oder falsch - bis zu diesem Sonntag.

          Dagegen wusste Washington zwischen Ende 1997 und August 1998 beinahe täglich, wo sich Bin Ladin aufhielt. Es verfügte über Dutzende menschliche Quellen in seiner Nähe, über kooperationsbereite Afghanen und über gut vernetzte CIA-Agenten in der Region. Mehrfach stand der Geheimdienst kurz davor, den Terrorführer zu ergreifen, doch im entscheidenden Moment traten die Verantwortlichen in Washington stets auf die Bremse.

          Es war die vom Kongress eingesetzte „9/11“-Untersuchungskommission, die in ihrem Abschlussbericht von 2004 erstmals Licht brachte in das Dunkel der verdeckten Operationen jener Monate. Auf den Radarschirmen der CIA tauchte Bin Ladin demnach erstmals 1996 auf. Der Auslandsgeheimdienst gründete eine Sondereinheit mit einem Dutzend Mitarbeitern, um einerseits Informationen über mögliche Anschlagsziele und die Arbeitsweise des entstehenden Terrornetzwerks Al Qaida zu sammeln und andererseits Operationen gegen Bin Ladin zu planen. Den Analytikern wurde schnell klar, dass sie es mit einer neuen Form von nichtstaatlichem Terrorismus zu tun hatten, der auch amerikanische Ziele treffen wollte.

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