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Die Formel 1 und die Unruhen in Bahrein : Zwischen Moral und Geschäft

Bahrein trauert um seine Toten: Wenn die Formel 1 kommt, könnte sie Demonstranten - aber auch der Regierung - eine Plattform bieten Bild: AFP

Politische Proteste in Bahrein stellen den Auftakt der Formel 1 in Frage. Die Fahrer halten sich mit Stellungnahmen zurück, Chefvermarkter Ecclestone sagt: „Ich habe Hoffnung.“ An demokratische Bedingungen wird er seine Bemühungen kaum knüpfen.

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          Sie kämpfen in Bahrein – um ein Rennen, ihren Grand Prix. Am Donnerstag schickte der „International Circuit Bahrain“ schon die zweite elektronische Post in alle Welt. Ein Beruhigungsschreiben. Die Formel 1 werde fahren können. Der Tross aber rotiert längst. Weil ausgerechnet Chefmanager Bernie Ecclestone am Mittwoch große Skepsis formulierte. Der für den 13. März mit Glanz und Gloria geplante Saisonauftakt der Formel 1 steht auch für den kleinen Briten sehr in Frage. Das ist ein Signal. Denn der 80 Jahre alte Engländer steht seit Jahrzehnten für eine knallharte Geschäftspolitik. Das Umfeld und die jeweiligen politischen Zustände waren ihm stets egal, solange nur Räder und Rubel rollten.

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Diesmal scheint es anders. Die Nachrichten von brutalen Reaktionen auf die Demonstrationen haben Teamchefs der Rennställe aufgeschreckt. Sie fürchten, die Formel 1 könnte mit ihrer weltweiten Attraktivität zu einer Plattform werden. Für die Demonstranten, wie der Vizepräsident des Zentrums für Menschenrechte in Bahrein, Nabeel Rajab, am Dienstag ankündigte. Aber auch für die Regierung, die mit einem ungestörten Grand Prix der Welt beweisen will, dass sie alles im Griff hat.

          Da die Rennstrecke in der Sakhir-Wüste weit vor den Toren der Hauptstadt Manama sozusagen in der Einöde liegt, ließe sich das Schauspiel leicht abschirmen. Mit wenigen Panzern wäre die einzige Autobahn zur Rennstrecke schnell blockiert. „Wir sollten uns nicht einspannen lassen“, sagt Niki Lauda „Bild.de“ frank und frei, während andere Befürworter einer Absage ungenannt bleiben wollen: „Wir sollten mal endlich an unsere moralische Verpflichtung denken. Wir können doch nicht als Werbeträger für ein System wirken, dass Menschen erschießt und prügelt, die um menschenwürdige Bedingungen bitten“, sagte ein Teamchef am Freitag. Er will nicht genannt werden, weil die Motive in der Diskussion schon nicht mehr zu durchschauen sind. Denn hinter manchem Humanismus könnte sich eine kühle Kalkulation verbergen: Wer fährt schon gerne am 13. März vor, wenn er sein Auto noch nicht für wettbewerbstauglich hält?

          Hoffnungsträger: Bernie Ecclestone hat ja ein Faible für Diktatoren
          Hoffnungsträger: Bernie Ecclestone hat ja ein Faible für Diktatoren : Bild: dpa

          Zwei Wochen mehr - das gäbe Zeit für Kopien und Verbesserungen

          Diese Rechnung würde aufgehen. Denn ein Wechsel auf eine andere Rennstrecke kommt kaum in Frage. Es dauert etwa sieben Monate, die komplexe Organisation auf die Beine zu stellen. Die Saison würde also erst am 27. März in Melbourne starten. Dann blieben den Teams, die bislang noch hinterherfahren, zwei Wochen für Verbesserungen oder gar für Kopien. Längst sind die besten Neuwagen Studienobjekte geworden. Entsprechend ungeduldig erwarten die Protagonisten der Marktführer den Saisonstart: „Ich hoffe, die Unruhen stören das Rennen nicht“, sagte Christian Horner, Teamchef von Red Bull, dieser Tage. Das Team von Weltmeister Sebastian Vettel will seinen Vorsprung möglichst schnell in Punkte umsetzen. McLaren hält sich bislang vornehm zurück. Bahreins Kronprinz Salman ibn Hamad ibn Isa Al Chalifa soll über eine seiner Firmen an dem englischen Team beteiligt sein. Er ist auch Oberbefehlshaber der Streitkräfte.

          So sehr die Rennställe am Freitag auch diskutierten: Eine Entscheidung liegt nicht in ihrer Hand. Solange europäische Länder ihren Bürgern nicht dringend abraten, nach Bahrein zu reisen, wird der Veranstalter seinen Verhandlungspartner Ecclestone, der die Vermarktungsrechte wahrnimmt, zur Einhaltung der Verträge zwingen. Der Engländer steht nach Informationen dieser Zeitung in ständigem Kontakt mit dem Kronprinzen, dem der Grand Prix am Herzen liegt. Er ist wie etwa in China, in Malaysia oder Abu Dhabi eine mehr oder weniger staatliche Angelegenheit. Eingekauft zur Förderung des Images.

          Vielleicht machen Ecclestone die Demokraten einen Strich durch die Rechnung

          Bahrein will sich als Finanzmarktplatz der Welt präsentieren. Im Fall des vergleichsweise ärmeren Königreichs zahlt man eine Antrittsgage von – geschätzt – 25 Millionen Dollar. Überwiesen wird die Summe angeblich vom Finanzministerium. Die Beteiligung der Regierung und Herrscher macht den Formel-1-Auftritt zum Politikum. „Erst wenn Ministerpräsident Scheich Khalifa ibn Salman Al Chalifa zurücktritt, könnte Ruhe eintreten“, sagt Katja Heim. Sie vermarktet Grand Prix in aller Welt. Fünf Jahre lang tat sie es exklusiv in Bahrein. Nach wie vor betreibt sie ein Büro in der Hauptstadt Manama.

          Dass die Rennen der asiatischen Nachwuchsserie GP2 am Wochenende abgesagt wurden, hält sie für einen Versuch der Organisatoren, keinen Angriffspunkt zu bieten und die Formel 1 nicht noch mehr zu verschrecken. Allerdings gab es auch eine traurige Erklärung: die zahlreichen Ärzte und Krankenwagen, die um eine Strecke verteilt sein müssen, damit gefahren werden darf, wurden zur Versorgung der Verletzten auf dem Perlenplatz gebraucht. Frau Heim sorgt sich um die Sicherheit ihrer Mitarbeiter: „Einem meiner Angestellten wurde ins Gesicht geschlagen, weil er fotografiert hat.“

          Ecclestone glaubt, bis Mitte der nächsten Woche mit dem Kronprinzen zu einer Entscheidung zu kommen. „Ich habe Hoffnung“, sagte er der BBC. An demokratische Bedingungen wird er seine Bemühung für den Grand Prix in Bahrein kaum knüpfen. Weder Südafrikas Apartheidpolitik noch Chinas Menschenrechtsverletzungen haben ihn gebremst. Für Diktatoren gleich welcher Couleur hat er ja ein Faible: „Man braucht einen, der durchgreift.“ Vielleicht machen ihm aber diesmal Demokraten einen Strich durch die Rechnung: der erste Bundesbürger hat am Freitag seine für Ende Februar geplante Reise nach Bahrein abgesagt: Bundespräsident Christian Wulff.

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