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World Vision in Gaza : Nichts zu beanstanden

Palästinensische Demonstranten protestieren in Gaza-Stadt für Mohammad El Halabi, einen Projektleiter der Hilfsorganisation World Vision. Bild: Reuters

Israel wirft einem Projektleiter der Hilfsorganisation World Vision in Gaza vor, Hilfsgelder an die Hamas geleitet zu haben. Das beschäftigt jetzt auch die Bundesregierung.

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          Die Familie ist schockiert. „Wir glauben das nicht“, sagt Hamed Halabi über die israelischen Anschuldigungen gegen seinen Bruder Mohammad. Ein Gericht in Beersheva hat den Projektmanager der internationalen Hilfsorganisation World Vision angeklagt, einen zweistelligen Millionenbetrag an Hilfsgeldern an den bewaffneten Arm der Hamas weitergeleitet zu haben. Mohammad Halabi sei ein „Workaholic“ und habe gar keine Zeit für Kontakte zur Hamas, sagte sein Bruder über den Vater von fünf Kindern.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          In Berlin forderten die Grünen die Bundesregierung auf, zu überprüfen, was mit deutschen Steuergeldern geschehen ist, die World Vision für Gaza erhielt. „Es darf keine indirekte Unterstützung der Hamas geben“, verlangte der Abgeordnete Volker Beck. Die Regierungen in Deutschland und Australien hatten am Freitag ihre Zahlungen für Hilfsprojekte von World Vision in Gaza gestoppt.

          Halabis Anwalt Mohammed Mahmud wies die Vorwürfe gegen seinen Klienten am Wochenende als „sehr übertrieben“ zurück. Nach Halabis Festnahme am israelischen Gaza-Übergang in Erez am 15. Juni hatte er 23 Tage lang keinen Rechtsbeistand. Die Tatsache, dass es fünfzig Tage bis zur Anklage gedauert habe, zeige, dass es schwierig gewesen sei, Beweise gegen ihn zu finden, sagte der Anwalt dem Sender CNN. In seinen Verhören habe Halabi geschildert, wie bewaffnete Hamas-Mitglieder mit zwei Fahrzeugen gekommen seien und sich Hilfsgüter geholt hätten.

          Nach israelischen Angaben hat Halabi indessen gestanden, seit seiner Jugend ein Mitglied der Hamas gewesen sein, die ihn militärisch ausgebildet habe. Man habe sich gezielt bemüht, ihn in eine internationale Hilfsorganisation einzuschleusen. Bevor Halabi im Jahr 2005 begann, für World Vision zu arbeiten, war er für das UN-Entwicklungsprogramm UNDP tätig.

          Jährlich überprüft

          Nach Angaben des israelischen Außenministeriums zweigte Halabi rund fünfzig Millionen Dollar an den bewaffneten Arm der Hamas ab, die damit Waffen angeschafft und Tunnel gegraben haben soll. Die von israelischen Ermittlungsbehörden genannten Summen stimmen jedoch nicht mit den Zahlen von World Vision überein. Demnach habe sich das operative Budget in den vergangenen zehn Jahren nur auf rund 22,5 Millionen Dollar belaufen, wie eine Sprecherin mitteilte.

          Zudem treffe es nicht zu, dass Halabi die Niederlassung in Gaza geleitet habe. Er sei nur einer von mehreren Projektmanagern gewesen. Eine führende Wirtschaftsprüfungsgesellschaft habe die Aktivitäten jährlich überprüft und nichts zu beanstanden gehabt.

          Die israelischen Anschuldigungen werfen für die Bundesregierung Fragen auf. Insgesamt 1,1 Millionen Dollar gab der deutsche Zweig von World Vision seit 2010 für humanitäre Projekte in Gaza aus. Davon stammten nach Angaben der Hilfsorganisation 788.000 Euro aus öffentlichen Mitteln. Der größte Teil der staatlichen Gelder kam vom Auswärtigen Amt.

          Zahlungen ausgesetzt

          Das Außenministerium setzte sofort die Zahlungen für ein Projekt für die psychosoziale Betreuung von Kindern aus, bis alle Unklarheiten beseitigt sind. Auch das Bundesentwicklungsministerium stoppte die Zahlung für ein Anfang Juni begonnenes Projekt von World Vision, das Bauern in Gaza unterstützt. Insgesamt sind dafür 1,5 Millionen Dollar vorgesehen.

          Die Bundesregierung nimmt die jüngsten Vorwürfe ernst und prüft sie genau. Sollten sie sich als korrekt erweisen, gefährde die Hamas mutwillig die Versorgung ihrer eigenen Bevölkerung, denn die sei ohne internationale Unterstützung nicht möglich, teilte ein Sprecher des Entwicklungsministeriums mit.

          Ungewöhnlicher Schritt

          Deutschland gehört zu den größten ausländischen Gebern in den Palästinensergebieten. Zuletzt wurden 2014 mehr als 104 Millionen Euro zugesagt, davon 45 Millionen für den Wiederaufbau des Gazastreifens. Dazu kamen humanitäre Hilfe und Sofortmaßnahmen in Gaza in Höhe von insgesamt rund sechzig Millionen Euro. Für den größten Teil dieser staatlichen Entwicklungshilfe sind nicht Hilfsorganisationen wie World Vision zuständig, sondern die Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) und die KfW Entwicklungsbank.

          Im israelischen Außenministerium registrierte man zufrieden, dass Deutschland und Australien ihre Zahlungen an World Vision aussetzten. In einem ungewöhnlichen Schritt schrieb Generaldirektor Dore Gold noch am Tag der Anklageerhebung gegen Halabi an seine Kollegen in den anderen Außenministerien auf der Welt. In seinem Brief warnte er vor der Gefahr, dass „die aus Iran unterstützte Terrororganisation Hamas Spenden für Gaza für ihre Zwecke nutzt“.

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