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Deutsche Unternehmen in Ägypten : Improvisation statt Fluchtplan

Flughafen Kairo: Das Ausfliegen durch Sicherheitsfirmen kostet 3000 bis 8000 Euro Bild: AFP

Weder Krisenstab noch Notfallmechanismus: Kleine und mittelgroße Unternehmen expandieren in Schwellenländer, machen sich aber kaum Gedanken über ihre Sicherheit. Droht Gefahr für die Mitarbeiter, müssen sie improvisieren.

          René Gawron hatte wenig Zeit, um das Richtige zu tun. Während in Kairo die Steine flogen und die Panzer rollten, überredete der Finanzchef des Softwareunternehmens SQS zwei deutsche Manager seiner ägyptischen Tochtergesellschaft zur Heimkehr. „Ich hätte nie gedacht, dass die Lage so schnell eskaliert“, sagt er. „Wir waren völlig überrumpelt.“

          Christian Müßgens

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          So wie Gawron ging es vielen Entscheidern von Unternehmen mittlerer Größe. Die Aufstände in Ägypten und Tunesien trafen sie wie aus heiterem Himmel. Zuletzt verbrachten sie viel Zeit in Telefonkonferenzen und Videoschaltungen mit ihren Führungskräften vor Ort: Manche entschieden zu bleiben, andere zu gehen. Während in Konzernen wie RWE, Thyssen-Krupp oder BASF die Krisenstäbe tagten und die Notfallmechanismen in Kraft traten, mussten kleine und mittelgroße Unternehmen improvisieren. Sie mussten unter Zeitdruck entscheiden, was zu tun ist, wenn an einem Standort Gefahr für die Kollegen droht.

          Sicherheitskonzepte, Notfalltelefone und Fluchtpläne

          Das ist eine Schwierigkeit, die in den kommenden Jahren häufiger auftreten wird. Die Rohstoffpreise treiben das Wachstum der Schwellenländern - und locken auch kleine und mittlere Unternehmen in unsichere Staaten. Nach Prognosen des britischen Forschungsinstitutes EIU wird die Wirtschaft in Liberia, Ruanda und Laos 2011 um mehr als 7 Prozent wachsen, Usbekistan bringt es auf 8,5 Prozent, Äthiopien und Eritrea sogar auf rund 10 Prozent Wachstum. Auch deutsche Unternehmen wollen davon profitieren. Wie die Beratungsfirma Corporate Trust herausgefunden hat, ist schon heute ein Drittel des deutschen Mittelstandes in „sicherheitskritischen Ländern und Krisenregionen“ präsent. Doch nur wenige haben Notfallpläne für Mitarbeiter vorbereitet, falls es zu Unruhen kommt. Für Sicherheitsfirmen, die Betriebe in der Ausarbeitung solcher Pläne unterstützen, entwickelt sich so ein profitables Geschäft.

          Walfried Sauer, Gründer und Chef der Result Group, einer Beratungsgesellschaft für Krisenmanagement, rechnet mit steigender Nachfrage nach seinen Dienstleistungen. „Bisher gehen Mittelständler das Thema hemdsärmelig an“, sagt er. Der Fall Ägypten zeige, welche Vorteile es hat, wenn Betriebe gerüstet sind. Neun Unternehmen mit Niederlassungen in dem Land hat Sauers Firma beraten. Seine Experten schrieben Sicherheitskonzepte, richteten Notfalltelefone ein und tüftelten Fluchtpläne aus.

          Als dann Demonstranten um die Häuser zogen und Polizisten mit Tränengas schossen, fuhren Sicherheitsfachleute der Result Group mit Bussen durch Ägypten, packten die Mitarbeiter ihrer Kunden ein und flogen sie mit Chartermaschinen nach Deutschland. Zwischen 15.000 und 40.000 Euro kostet die Beratung, für das Ausfliegen kommen noch mal 3000 bis 8000 Euro hinzu - pro Kopf. Eine sinnvolle Investition sei das, gerade in Ländern mit schlechter Sicherheitslage, betont er.

          Sicherheit für ein „paar Tausend Euro pro Kopf“

          Nicht alle sind seiner Meinung. SQS-Finanzvorstand Gawron sieht das Geschäft der Sicherheitsfirmen kritisch. Am Standort seines Unternehmens in Kairo arbeiten rund 130 ägyptische Kollegen, weltweit beschäftigt SQS rund 2000 Mitarbeiter. Für Kunden wie JP Morgan, Volkswagen oder die Deutsche Post testen sie Software auf Fehler. Im Geschäftsjahr 2010 erwirtschaftete das börsennotierte Unternehmen mit Sitz im Südwesten Kölns nach Schätzungen von Analysten rund 160 Millionen Euro Umsatz.

          Natürlich habe SQS vorgesorgt, um das Geschäft aufrecht zu erhalten, falls der Standort in Ägypten ausfällt, sagt Gawron. Evakuierungspläne, wie die Sicherheitsberater sie anpreisen, sind aus seiner Sicht aber überzogen. „Unsere Leute sind einfach abgereist. Ohne Zwischenfall und ohne Probleme“, erzählt er. Dominik Schaerer, Geschäftsführer von International SOS in Deutschland und Österreich, hält das für leichtfertig. Seine Organisation berät Unternehmen, die in Schwellenländer expandieren. Wer einen Mitgliedsantrag unterschreibt, kann in Notrufzentralen anrufen und um Hilfe bitten. Was der Service genau kostet, will Schaerer nicht sagen, ein „paar tausend Euro pro Kopf“ seien es. Vor allem für den Mittelstand sei das Angebot attraktiv, denn dort fehle Personal, um Krisenstäbe aufzubauen.

          Was passiert, wenn das Internet lahmgelegt wird?

          Aus Ägypten hat International SOS in der vergangenen Woche mehr als 800 Menschen ausgeflogen, darunter Mitarbeiter von Dax-Konzernen, aber auch von Mittelständlern. Spezialteams reisten durchs Land; Mediziner, Sicherheitsfachleute und Logistiker. In Chartermaschinen brachten sie die deutsche Kundschaft zum Frankfurter Flughafen. Ägypten und Tunesien sorgten für ein reges Geschäft. Schaerer ist überzeugt: Aus den Ereignissen sollten Unternehmen lernen - und sich an Fachleute wenden, um Sicherheitspläne auszufeilen, Evakuierungen durchzusprechen und Abläufe für den Notfall zu entwerfen.

          Gawron hat gelernt, allerdings nicht das, was die Chefs der Sicherheitsdienste sich wünschen. Für ihn stellt sich eine andere Frage: Was passiert, wenn die Regierung an einem seiner Standorte das Internet lahmlegt? In Ägypten passierte dies Ende Januar. Auf einen Schlag war das Land offline, ein Desaster für die Softwaregesellschaft. Jetzt zerbrechen sich die Fachleute des Unternehmens den Kopf, wie sie in Zukunft auf solche Vorfälle reagieren. „Das beschäftigt uns zurzeit mehr als irgendwelche Evakuierungspläne“, sagt der Finanzvorstand.

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