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Gaza-Krieg : Aufstehen in Ruinen

„Dein Sieg hat uns alle obdachlos gemacht“: Eine Palästinenserin wühlt in den Überresten ihres Hauses. Bild: AFP

Viele Palästinenser haben genug vom Krieg. Genug von der Hamas. Viele kehren in ihre zerstörten Häuser zurück. Der neuen Ruhe in Gaza trauen sie nicht.

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          Waghalsig klettert der junge Mann den Schuttberg hinauf. An einem Stahlträger, der in den Himmel ragt, befestigt er das frisch gedruckte Plakat. „Abu Usamas Supermarkt“ steht auf dem roten Banner, darunter eine Mobiltelefonnummer. In der ausgebrannten Ruine dahinter hat kein einziges Regal den Krieg überlebt.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Auch von der „Al Manar-Apotheke“ nebenan sind nur Trümmer übrig. Bilder zeigen auf dem Werbeplakat, wie der stolze Eigentümer Kunden berät. Noch im Juli war er ein wohlhabender Mann. Jetzt muss er wieder von vorn anfangen. Viele der Häuser in Beit Hanun im Norden des Gazastreifens kann man nur noch abreißen. Doch mitten in der Verwüstung kommen immer mehr Farbtupfer zum Vorschein: Trotzig signalisieren die Geschäftsleute, dass sie nicht daran denken aufzugeben.

          Die Familie Schabad hatte mehr Glück als der Apotheker um die Ecke. In ihrem kleinen Laden gibt es Bohnen, Speiseöl und Zucker. Kühlschrank und Kühltruhe funktionieren nicht mehr, sie wurden von Kugeln durchsiebt. Aber für sie gäbe es derzeit ohnehin keinen Strom. Junis Schabad ist froh, dass er mit seiner Familie endlich wieder nach Hause zurückkehren konnte – oder in das, was davon übrig geblieben ist. Keiner seiner Verwandten war auf einer der Siegesfeiern, die die Hamas in Gaza-Stadt veranstaltete. „Da gingen doch nur die Leute hin, die im Krieg nichts verloren haben. In Gaza gibt es nichts zu feiern“, sagt der 26 Jahre alte Palästinenser und geht in die Räume hinter seinem Laden.

          „Dein Sieg hat uns alle obdachlos gemacht.“

          In drei Zimmern hausen dort 30 Mitglieder seiner Großfamilie. Planen und Decken hängten sie vor die großen Löcher in zwei Außenwänden, die dort klaffen, seit eine israelische Rakete das Nachbarhaus zerstört hatte. Früher hatten alle seine Angehörigen eine eigene Wohnung. „Israel hat sich nur eine Pause gegönnt. Bald wird der Krieg weitergehen“, sagt Junis Schabads Onkel. Viele Menschen in Gaza haben genug vom Krieg. Sie trauen der neuen Ruhe noch nicht. Ängstlich blicken sie zum Himmel, wo immer noch unbemannte israelische Überwachungsdrohnen surren. „Unsere Nerven sind verbrannt“, sagt ein Nachbar der Familie Schabad.

          Beit Hanun war wochenlang eines der am heftigsten umkämpften Kriegsgebiete, bevor es sich in eine verlassene Geisterstadt verwandelte, in die sich die Einwohner erst jetzt wieder zurück wagen. Mehr als 1400 Flüchtlinge sind in den vergangenen Tagen wieder in die Klassenzimmer der Grundschule „A&D“ eingezogen. Eine Wand auf dem Schulhof ist übersät von Löchern. Am 24. Juli war dort eine israelische Mörsergranate eingeschlagen. Elf Menschen, unter ihnen sieben Kinder, wurden getötet. Nach Angaben der israelischen Armee hatte ein „fehlgeleitetes“ Geschoss den zu diesem Zeitpunkt angeblich menschenleeren Hof der UN-Schule getroffen.

          Muhammad Atamna sagt, er sei dort gewesen. „Wir warteten zu Hunderten draußen auf die Busse, die uns vor den Kämpfen in Sicherheit bringen sollten“, sagt der 25 Jahre alte Palästinenser. Für ihn war der Krieg trotzdem die mehr als 2100 palästinensischen Toten wert. „Für den Sieg mussten wir Opfer bringen“, sagt er, bevor ihm im Schulhof ein anderer Mann ins Wort fällt. „Halt den Mund! Dein Sieg hat uns alle obdachlos gemacht“, schimpft er.

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