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Der Papst im Nahen Osten : Politische Pilgerfahrt

Abseits des Protokolls: Spontan hielt Papst Franziskus in Bethlehem an jener Mauer, die die Geburtsstadt Jesu teilt, um dort zu beten. Bild: AP

Der Papst ruft in Bethlehem zu einem Ende des Nahostkonflikts auf und fordert gleiche Rechte für Christen. Nicht nur in der Geburtsstadt Jesu sind sie zu einer Minderheit geworden.

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          Unter dem Landeplatz, auf dem die drei Hubschrauber aus Jordanien gegen neun Uhr aufsetzen, liegt das palästinensische Flüchtlingslager Daheische. Beim Anflug auf Bethlehem konnte Papst Franziskus schon die israelische Sperranlage sehen, die die Geburtsstadt Jesu von Jerusalem abriegelt. Für Franziskus ist seine Reise ins Heilige Land eine Pilgerfahrt. Doch spätestens seit der Landung in Bethlehem bewegt sich das Kirchenoberhaupt auf politisch vermintem Gelände.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Noch bevor er auf den Krippenplatz fährt, wo Tausende seit dem frühen Morgen auf den Beginn der Messe warten, stattet er Mahmud Abbas einen Besuch ab – dem „Präsidenten des Staates Palästina“, wie es im offiziellen Reiseprogramm des Vatikan heißt. Abbas empfängt den Papst mit allem, was dazu gehört: Beide schreiten eine Ehrengarde ab, die Nationalhymnen ertönen. Für die Palästinenser bedeutet das, dass Franziskus ihren Staat anerkennt, den er auf seiner Reise sogar noch vor Israel besucht. In seiner ersten Rede vor palästinensischen Politikern im Amtssitz des Präsidenten nennt er einen Grund dafür: „Indem ich denen meine Nähe bekunde, die am meisten unter den Folgen des Konflikts leiden, möchte ich aus tiefstem Herzen sagen, dass es Zeit ist, dieser Situation, die immer unerträglicher wird, ein Ende zu setzen, und das zum Wohl aller“, sagt der Papst laut dem offiziellen Redemanuskript über den Stillstand der Friedensbemühungen zwischen Israelis und Palästinensern. Abbas lobt er als einen „Mann des Friedens“.

          Erst am Nachmittag fliegt der Papst weiter nach Israel, wo man von den politischen Gesten in den Palästinensergebieten und der Reiseroute weniger begeistert ist. Kritik gab es auch aus anderen Gründen: Die Messe, die er am Sonntag vor der Geburtskirche hält, ist der einzige Freiluftgottesdienst im Heiligen Land, zu dem 10.000 Christen erwartet wurden. Nur knapp sieben Stunden hält sich der Papst in Bethlehem auf, etwas mehr als 24 Stunden in Jerusalem. Für die Christen östlich und westlich der Grünen Linie ist diese Blitzvisite trotzdem ein ermutigendes Zeichen, denn sie sind im Heiligen Land zu einer verschwindend kleinen Minderheit geworden.

          Im britischen Mandatsgebiet Palästina machten sie vor der Gründung Israels im Jahr 1948 noch acht Prozent der Bevölkerung aus. Heute stellen Christen in Israel wie in den Palästinensergebieten nur noch etwa zwei Prozent. Viele von ihnen sind in den vergangenen Jahrzehnten ausgewandert. Heute leben mehr palästinensische Christen in Amerika als in ihrer früheren Heimat. Die oft gut ausgebildeten Angehörigen der Minderheit erhalten oft leichter ein Visum oder einen ausländischen Pass als Muslime.  Ein weiterer Grund für den Rückgang ist die Geburtenrate, die unter Muslimen und Juden deutlich höher ist als unter Christen.

          In Bethlehem würdigt Franziskus den wichtigen Beitrag, den „die Christen zum Gemeinwohl der Gesellschaft“ leisten, der sie als „vollberechtigte Bürger“ angehören wollen, wie es in dem Manuskript der Rede heißt, die er im palästinensischen Präsidentensitz hält.  In Israel leben nach Angaben des Statistikamts 161.000 Christen, etwa zwei Prozent der gesamten Bevölkerung. Unter den 1,7 Millionen arabischen Staatsangehörigen, die insgesamt 20 Prozent aller Israelis ausmachen, ist ihr Anteil neben der muslimischen Mehrheit mit acht Prozent sehr niedrig. Es leben nicht nur arabische Christen im Heiligen Land: Etwa zwanzig Prozent der israelischen Christen stammt aus der früheren Sowjetunion. Andere kommen aus Asien und leben als Pflegekräfte nur für kürzere Zeit im Land. Auch unter den afrikanischen Flüchtlingen gibt es zahlreiche Christen. 

          Während die Zahl der Christen in Israel im vergangenen Jahr sogar leicht stieg, ist sie in den palästinensischen Autonomiegebieten rückläufig. Verlässliche Angaben gibt es nicht. Einige schätzen ihre Zahl auf 50.000, weniger als zwei Prozent der Bevölkerung. Im Gazastreifen, den die islamistische Hamas regiert, leben etwa 2000 Christen. Besonders viele Christen aus Gaza und dem Westjordanland zogen in den vergangenen Jahren weg, weil ihre Lebensbedingungen wegen der israelischen Besetzung und der Abriegelung durch die Sperranlage immer schwieriger wurden. Es häufen sich auch Klagen über Anfeindungen und Übergriffe durch Muslime. Das zeigt sich besonders drastisch in Bethlehem, wo Franziskus auf dem Krippenplatz eine Messe halten wird. Dort stellten die Christen früher 80 Prozent der Einwohner. Mittlerweile ist ihr Anteil nach Schätzungen auf weniger als 20 Prozent gesunken.

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