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„Islamischer Staat“ : Auf dem Vormarsch nach Damaskus

Ein Blick auf Palmyra, bevor der Islamische Staat die Stadt erobert hatte. Bild: AFP

Die syrische Stadt Palmyra befindet sich in der Hand des „Islamischen Staats“. Schon in der Antike kam der Stadt, die Ost und West verband, eine besondere Bedeutung zu. Von ihrem neuen Brückenkopf aus können die Islamisten weiter nach Westen vorstoßen.

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          Für den „Islamischen Staat“ hat die Oasenstadt Palmyra heute die gleiche strategische Bedeutung, die sie in der Antike so mächtig hatte werden lassen. Denn die legendäre Herrscherin Zenobia (240 bis 274) hatte von ihrer Hauptstadt aus Syrien in einem Blitzkrieg erobert, war nach Ägypten gestürmt und auch nach Anatolien. Ihre Handelsnation war ein paar Jahre Weltmacht. Zenobia, die Rom die Stirn bot, hatte ihr Reich überdehnt. Kaiser Aurelian, der von 270 bis 275 regierte, besiegt sie bei Homs, nahm sie in Palmyra gefangen und ließ sie als Besiegte in einem Triumphzug durch Rom führen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Heute kann der „Islamische Staat“, der bereits über ein größeres Territorium als das Regime in Damaskus herrscht, von dem Brückenkopf Palmyra aus weiter nach Westen vorstoßen, nach Westen in Richtung Homs und Damaskus, zwei Hochburgen des Regimes. Im Bewusstsein der IS-Krieger wird sein, dass Hafez al Assad, der Vater des heutigen syrischen Präsidenten, im Bürgerkrieg von 1976 bis 1982 im Hochsicherheitsgefängnis nahe Palmyra Tausende sunnitischer Islamisten hat hinrichten lassen. Allein am 27. Juni 1980 hatte eine Spezialeinheit von Rifaat al Assad als Racheakt für einen Attentatsversuch auf seinen Bruder Hafez al Assad mehr als 1000 Insassen liquidieren lassen. Die Getöteten wurden in einem Massengrab beim Gefängnis verscharrt. Allein um Vergeltung für ihren Tod zu nehmen, werden die IS-Krieger Richtung Damaskus vorstoßen.

          Zuvor aber könnten sie auch in Palmyra Stätten der Menschheitsgeschichte zerstören. Palmyra war als Knotenpunkt von Handelswegen in der Antike sagenhaft geworden. Davon zeugen die Ruinen, die zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Syriens gezählt haben. Der Stadtstaat, der in den zehn Generationen vor Zenobia, der letzten Herrscherin Palmyras, seine Unabhängigkeit zwischen den Parthern im Osten und den Römern im Westen hatte bewahren können, stieg nach dem Fall des Rivalen Petra im Süden des heutigen Jordaniens zu einer der wichtigsten Handelsstädte seiner Zeit auf. Palmyra zahlte an Rom Tribut, organisierte aber unabhängig den Handel zwischen Ost und West.

          Die meist arabischen Herrscher Palmyras bauten mit den Gewinnen aus ihrem Handel eine prächtige Stadt – mit langen Kolonnadenstraßen, monumentalen Tempeln, prunkvollen Bäderkomplexen und weitläufigen Nekropolen, wo sich die Angehörigen der großen Familien in Grabtürmen bestatten ließen. Reliefplatten mit den Porträts der Verstorbenen schlossen die Schächte mit den Sarkophagen, die in eine Wand eingelassen wurden, ab. Die wertvollsten Grabplatten sind seit langem im Museum von Damaskus ausgestellt. Die Bilderstürmer des IS werden aber Hunderte der Reliefs, die mehr als 1700 Jahre im Tal der Gräber die Zeit überstanden haben, als Relikte eines „heidnischen Götzendienstes“ zerstören.

          Vorislamische Wurzeln

          Fast alles, was die Krieger vorfinden, verstößt gegen ihre stumpfe Auslegung des Islams, etwa der dem Sonnengott Baal geweihte Tempel, dessen Seitenlänge von mehr als 200 Metern bereits die einstige Pracht der Stadt erahnen lässt. Als Provokation werden die kulturlosen Krieger den Tempel der Lat begreifen. Denn die Göttertriade aus Lat, Manat und Uzza wurde nicht nur in Palmyra verehrt, sondern in vorislamischen Zeiten auf der Arabischen Halbinsel. Erst der Prophet des Islams, Muhammad, hatte ihre Statuen aus der Kaaba entfernen lassen. Eine Inschrift nahe des Lat-Tempels bezeugt, dass der Islam auch vorislamische Traditionen aufnahm. Sie nennt neben Lat als Gottheit Rahm. Daraus abgeleitet wurden unter Muhammad die beiden wichtigsten Eigenschaften des „einzigen Gottes“ („Allah“): Rahman und Rahim, der Allbarmherzige und Allgütige.

          Nach Zenobias Sturz und der Plünderung durch Aurelians Truppen versank Palmyra in der Bedeutungslosigkeit. Im frühen 17. Jahrhundert versuchte der libanesische Drusenfürst Fahreddin II., auf den die Burganlage über der Stadt in ihrer heutigen Form zurückgeht, einen unabhängigen Staat in der Levante zu gründen. Er scheiterte und wurde 1635 von den Osmanen in Istanbul gehängt.

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