https://www.faz.net/-gq5-80dp1

IS zerstört Kulturdenkmäler : Anschlag auf die Geschichte

Ein Internetvideo zeigt Anhänger des IS, die Ausstellungsstücke im Museum von Mossul zerstören. Bild: AP

Der „Islamische Staat“ hat im irakischen Mossul Kulturschätze der Menschheit ausgelöscht. Diese Barbarei übertrifft sogar die Zerstörungen in Bamiyan und Timbuktu durch Islamisten.

          3 Min.

          Nach Bamiyan und Timbuktu nun Mossul. In Bamiyan sprengten im März 2001 die Taliban vier Buddhastatuen in die Luft, in Timbuktu zerstörten im Mai 2012 Extremisten von Al Qaida islamische Mausoleen und Bibliotheken. Was nun in Mossul geschehen ist, übertrifft selbst diese Akte der Barbarei. Denn Krieger des „Islamischen Staats“ zertrümmerten im Museum von Mossul jahrtausendealte Kulturschätze der Menschheit, und in der Bibliothek von Mossul verbrannten sie in den vergangenen Tagen mehr als zehntausend Manuskripte und Bücher, die mehrere Jahrhunderte alt waren. Danach sprengten sie Teile der Bibliothek.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die Terrorherrschaft des IS hinterlässt eine Blutspur der Grausamkeiten und einen Kahlschlag der Kultur. Im vergangenen August hatten sie nach der Vertreibung der Christen aus der Region Mossul Städte der Christen wie Karakosh zerstört, alte Klöster wie Baashiqa und Bahnam entweiht, bis zu 1500 Jahre alte Manuskripte verbrannt. Dann zerstörten sie in Mossul die Grabstätten der Propheten Jonas und Georg, auch den Schrein des Set, des dritten Kindes von Adam und Eva.

          Nach der Eroberung von Mossul am 10. Juni 2014 richtete der IS eines seiner Ämter im Museum von Mossul ein. Das Museum war bis zuletzt nach dem Nationalmuseum in Bagdad das zweitwichtigste im Irak. Es beherbergte Ausstellungsstücke der mesopotamischen Hochkulturen, vor allem der babylonischen und der assyrischen. Ein fünf Minuten langes Video dokumentiert nun, wie IS-Krieger mit Presslufthämmern auf Exponate, die an der Wand gehangen haben, einschlagen, wie sie Statuen umstoßen und selbst mit einer Bohrmaschine Objekte zerstören.

          Die deutsche Archäologin Margarete van Ess, die 1996 die Leitung des Deutschen Archäologischen Instituts in Bagdad übernommen hatte, sagt, dass nach den Greueln, die der IS in den vergangenen Wochen und Monaten sowohl gegen Menschen als auch gegen die Bildung und Kultur verübt habe, diese Zerstörung des Museums nicht völlig überraschend gekommen sei. Unfassbar sei jedoch, mit welcher Brutalität gegen alles Kunstvolle vorgegangen werde, das unsere Vorfahren geschaffen hätten.

          IS unterstützt auch Raubgrabungen

          Zerstört wurde im Museum beispielsweise eine mehrere Meter hohe assyrische Türhüterfigur (Lamassu) aus „Mosul-Marmor“, die aus einem Stierkörper, Flügeln und einem menschlichen Kopf besteht. Sie stammt aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. und hatte einst als Schutzdämon einen der 16 Eingänge in die Befestigung von Niniveh geziert. Van Ess geht davon aus, dass es sich um ein Original gehandelt hat. Das Video zeigt die Zerstörung einer weiteren originalen Türhüterfigur am wiederaufgebauten Nergal-Tor am Rande von Mossul. Anfang Januar hatte der IS die Bewohner des Viertels aufgefordert, wegzuziehen, da die wiederaufgebaute Stadtmauer mit dem Tor zerstört werde. Die Stadtmauer und die überdimensionalen gottgleichen Türhüterstatuen gehen auf König Sanherib zurück, der die assyrische Hauptstadt nach Niniveh verlegt hatte.

          Im Museum zertrümmerte der IS Statuen aus den Tempeln des Weltkulturerbes Hatra, das 100 Kilometer südwestlich von Niniveh liegt. Die gut erhaltenen Tempel sind einzigartige Zeugnisse der politisch so wichtigen Kontaktzone des Parther- und des Römerreichs. Die menschlichen Darstellungen aus Hatra gehörten offenbar zu den ersten Artefakten, die die IS-Krieger zerstörten. Eine Stimme auf dem Video sagt, die Krieger folgten dem Beispiel des Propheten Mohammed, der in Mekka ebenfalls zum „Götzendienst“ benutzte Statuen habe zerstören lassen. Auch diese Statuen seien früher ja angebetet worden. Bei den Statuen im Museum handelte es sich um Originale und Gipskopien. Nahe Hatra unterhält der IS eine Militäreinrichtung. Was in Hattra selbst geschehe, sei nicht bekannt, sagt van Ess.

          Das gilt auch für den Palast von Nimrud, der 30 Kilometer südöstlich von Niniveh liegt. Fotos aus den Jahren 2003 bis 2005 dokumentieren, dass Kriminelle damals die Rechtlosigkeit zu Raubgrabungen genutzt haben. Damals wurden Reliefs am Palast zersägt und auf dem Schwarzmarkt für Antiquitäten verkauft. Da die Anlage nicht geschützt ist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass das heute wieder geschieht. Es wird vermutet, dass der IS Raubgräber gewähren lässt und im Gegenzug Steuern kassiert. Qais Hussein Rashid, der Direktor des Nationalmuseums in Bagdad sagte, der IS verkaufe über Schwarzmärkte weiter Antiquitäten.

          Der Schaden der Zerstörungen der archäologischen Stätte in und um Mossul wird lediglich dadurch begrenzt, dass vor dem Beginn der Invasion von 2003 viele Artefakte aus dem Museum in Mossul in das Nationalmuseum von Bagdad gebracht worden sind. In der Vergangenheit wurden die Ausgrabungsstücke aus dem ganzen Irak zudem zur Inventarisierung nach Bagdad gebracht. Von dort wurden sie wieder an die Museen verteilt. Da der IS die Telefonverbindungen mit dem Restirak unterbrochen hat, brach der Kontakt der Antikenverwaltung in Bagdad mit den Museumsleuten von Mossul weitgehend ab. Der irakische Antikenminister Adil Sharshab bezeichnete die Zerstörungen als eine der größten Verbrechen in der Gegenwart.

          Topmeldungen

          Suzanna Randall: Eine von zwei Kandidatinnen für den Flug zur Internationalen Raumstation ISS

          Nach erstem Frauenduo auf ISS : Wie männlich ist der Weltraum?

          Die Nasa fremdelte lange mit der weiblichen Biologie. So vermuteten Ingenieure, weiblicher Urin sei schleimbasiert und könne im All Leitungen verstopfen. Raumanzüge in der richtigen Größe sind heute noch ein Problem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.