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Demonstrationen in Kairo : Ein Weckruf vom Lande

Neue Ideen und neuer Schwung: Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo Bild: dpa

Immer mehr Ägypter aus der Provinz und dem Ausland stoßen zu den Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Dort ist ein gut organisiertes Lager entstanden, das den Protestbewegungen neuen Schwung und neue Ideen verleiht.

          Sie haben neuen Mut geschöpft. Das Regime hatte einige Zugeständnisse gemacht, Gespräche mit einigen Oppositionellen aufgenommen, und auf dem Tahrir-Platz im Zentrum Kairo traten bei den Demonstranten Ermüdungserscheinungen auf. Dann aber kam der Dienstagnachmittag. Viele reisten aus den Provinzen an, um zum ersten Mal zu protestieren. Auch immer mehr Ägypter aus der großen Diaspora kehren jetzt heim, um sich den Protesten anzuschließen, nachdem die Gewalt von den Straßen verschwunden ist – und die Protestbewegung hat zu Beginn der dritten Woche wieder an Schwung gewonnen.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          „Die Organisatoren haben immer wieder neue Ideen, um neuen Schwung zu erzeugen“, sagt Osama Ghazali Harb, der Vorsitzende der liberalen Partei Demokratische Front. In den vergangenen Tagen hatte eine Internetkampagne Früchte getragen, nach dem Ende der Gewalt Ägypter aus der Diaspora zu gewinnen. Von Mittwoch an beteiligen sich Gewerkschaften an den Protesten auf dem Tahrir-Platz. Weitere Demonstranten trieb Vizepräsident Omar Suleiman mit seiner uneinsichtigen Ansprache vom Dienstag unfreiwillig auf die Straße. „Die Menschen erkennen, dass Suleiman kein Mann des Übergangs ist“, sagt Ghazali Harb. Tagsüber demonstrieren auf dem Platz nun mehrere Zehntausend, abends steigt die Zahl auf mehr als 100.000.

          Gut organisiertes Provisorium

          Panzer versperren alle Zugänge, die auf den Platz führen, auch gegenüber dem Opernhaus, wo sonst nur zwei steinerne Löwen die Zufahrt auf die Brücke Qasr al Nil bewachen. Panzer stehen dann wieder vor dem Gebäude der Arabischen Liga unmittelbar vor dem Platz. In wenigen Minuten beginnt die Ausgangssperre, und doch drängt ein ungebrochener Strom über die zur Fußgängerzone gewordene Brücke hinüber zum Platz. Sie schwenken ägyptische Flaggen oder legen sie wie einen Talar um die Schultern. Der Stacheldraht lässt nur eine schmale Öffnung, hier muss jeder durch. Ein Soldat hebt einen kleinen Jungen hoch auf den Panzer. In ernster Pose und mit der Flagge in der Hand lässt er sich zwischen dem Uniformierten und dem Kanonenrohr vom stolzen Vater ablichten.

          Tagsüber demonstrieren mehrere Zehntausend - abends mehr als 100.000

          Erst prüfen die Soldaten die Personalausweise jedes Einzelnen und nehmen eine Sicherheitskontrolle vor. Dann prüfen und tasten Freiwillige nochmals jeden ab, der den Platz betritt. „Die Soldaten sind neutral“, sagt Sawy, der Sicherheitschef der Organisatoren in diesem Abschnitt. Zwei Stunden am Tag geht der Chemiker nur noch an seinen Arbeitsplatz in einem staatlichen Klärwerk. Sonst hat der Aktivist der Muslimbruderschaft die anderen Freiwilligen im Blick, die jeden untersuchen, ob er eine Waffe mitbringt und womöglich zu den Schlägern und Provokateuren des Regimes zählt. Während sich draußen in der Stadt mit der Ausgangssperre Stille über Kairo senkt, hat das Volksfest hier erst begonnen, und trotz allen Lärms wird sich Sawy nachher ein paar Stunden hinlegen.

          Die provisorische Zeltstadt ist gut organisiert. Zweimal am Tag treffen sich die Vertreter der zehn Gruppen und Parteien, die die Kundgebung organisieren, sagt der Arzt Shadi al Ghazali von der Demokratischen Front. 24 Stunden am Tag weilt er auf dem Platz. Jede der zehn Organisationen stellt einen Vertreter, die Demokratische Front und die Muslimbrüder, die Bewegung des 6. April, deren Mitglieder häufig auch der Demokratischen Front angehören, und der Kreis um El Baradei. Sie besprechen die Lage, die Verteilung der Nahrungsmittel, die medizinische Versorgung durch eine kleine mobile Allianz in der Mitte des Platzes, die Entsorgung des Abfalls, die Verteilung von Decken. Alles werde ausschließlich über Sachspenden organisiert, sagt Shadi Ghazali. Es ist beispielhaft sauber und sicher auf dem Platz.

          „Ja, es ist eine Revolution“

          Mit Mubarak halten sie sich nicht mehr auf. Sie haben ihn abgehakt, auch wenn er weiter an seinem Amt klammert. Amr Musa, er wäre doch ein Präsident, sagt Sawy, und den Namen des früheren Außenministers und heutigen Generalsekretärs der Arabischen Liga hört man immer wieder als Wunschkandidaten – häufiger als den Mohammed El Baradeis.

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