https://www.faz.net/-gq5-y4qj

Demografie : Warum sind die Ägypter nur so arm?

Während sich in Ägypten die Bevölkerung binnen 50 Jahren mehr als verdreifachte auf 84 Millionen, verdoppelte sie sich in Südkorea nur auf 50 Millionen. Die Folgen sind frappierend: Südkorea schafft es, seine jungen Bürger in Lohn und Brot zu bringen, in Ägypten ist die Söhne- und Töchter-Generation von Arbeits- und Perspektivlosigkeit bedroht und auf die Schattenwirtschaft zurückgeworfen. Prinzipiell bleiben Regierungen armer Länder zwei Möglichkeiten, auf die demografische Entwicklung zu reagieren. Sie bremsen sie, oder sie entfesseln ein Wirtschaftswachstum, das mit der Bevölkerungsentwicklung Schritt hält.

Asiens im Vergleich zu den nordafrikanischen Ländern erfolgreiche Tigerstaaten haben beides erfolgreich exekutiert: Politik für weniger Geburten und Politik für mehr Wachstum. Ägypten dagegen hat der Bevölkerungsentwicklung keine große Aufmerksamkeit gewidmet und in der Wirtschaftspolitik versagt. An Anstrengungen hat es freilich im nordafrikanischen Land nicht gefehlt. Ägypten gibt 3 bis 4 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts für Bildung aus, die Zahl der Universitätsabsolventen hat sich vervielfacht, der Analphabetismus schrumpft langsam.

Zwischen Plan- und Wettbewerbswirtschaft

Gleichzeitig aber ist die Qualität der Bildung auf ein dramatisch niedriges Niveau gesunken, notierte die Zeitschrift „Economist“ im Oktober 2010: Wenn ägyptische Geschäftsleute heute gefragt würden, welches die größten Hemmnisse für Wachstum sind, dann nennten sie den Mangel an gut ausgebildeten jungen Leuten an zweiter Stelle (an erster Stelle kommt die überbordende Bürokratie).

Ägypten testet seit knapp 50 Jahren erfolglos ein hybrides Wirtschaftsmodell zwischen Planwirtschaft und Wettbewerbswirtschaft. Gamal Abdel Nasser, der bis 1970 regierte, hatte in enger Anlehnung an die Sowjetunion Schlüsselindustrien verstaatlicht, Mieten eingefroren und große Grundbesitzer gezwungen, ihre Flächen zu niedrigen Festpreisen zu verpachten. Wenn in Kairo heute immer wieder Häuser zusammenbrechen, dann liegt es auch an den fehlenden Anreizen der Eigentümer zur Renovierung: Sie können wegen der Niedrigmieten an den Häusern nicht verdienen. Gleichzeitig leben Tausende obdachlose Menschen auf Kairos Friedhöfen.

Kurz flackernde Reformfreudigkeit

Nassers Nachfolger Sadat und Mubarak versuchten, diese Politik zumindest phasenweise und zumindest zum Teil wieder rückgängig zu machen. Sie privatisierten einige Unternehmen und liberalisierten die Landwirtschaft mit der Folge, dass die Ernten besser wurden. Nach offiziellen Zahlen wuchs Ägyptens Volkswirtschaft in den letzten Jahren zwischen fünf und sieben Prozent. Die Weltbank lobte gar die kurz flackernde Reformfreudigkeit des Landes. Und die Vereinten Nationen veröffentlichten zusammen mit der ägyptischen Regierung im vorigen Jahr noch einen Bericht, in dem die erfolgreiche Armutsbekämpfung im Rahmen des globalen Millenniumprojektes gefeiert wurde.

Die Lebenssituation der meisten Ägypter verbesserte sich in Wirklichkeit nicht – im Gegenteil: Laut Angaben der Weltbank müssen mehr als 40 Prozent der Bevölkerung mit weniger als zwei Dollar pro Tag auskommen. Wegen starker Preissteigerungen vor allem für Grundnahrungsmittel reicht das Haushaltseinkommen vieler Familien kaum zum Leben aus. Gewinner der zaghaften Liberalisierung gab es allerdings auch: Schon in den 1990er Jahren hatten politisch bestens vernetzte Familien riesige Unternehmenskonglomerate errichtet, die zum Teil marktbeherrschende Stellungen erreichten.

Topmeldungen

Anne Will diskutiert mit ihren Gästen über die Soli-Abschaffung

TV-Kritik: Anne Will : Wiederbelebung der Neiddebatte

Die SPD hatte bisher das einzigartige Talent, die Probleme ihrer Konkurrenz zu den eigenen zu machen. Bei der Debatte um den Solidaritätszuschlag scheint das anders zu sein, wie bei Anne Will zu beobachten war.
Unser Sprinter-Autor: Sebastian Reuter

F.A.Z.-Sprinter : Von wegen Kinderkram!

Angela Merkel könnte in Biarritz noch eine tragende Rolle zukommen. Eltern sollten mit ihrem Nachwuchs über einen besonderen Mann sprechen. Und Glück stellt sich manchmal erst spät ein. Was sonst wichtig ist, steht im F.A.Z.-Sprinter.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.