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Demografie : Warum sind die Ägypter nur so arm?

Wie wenig Ägypten aus sich gemacht hat, zeigt ein Vergleich. Vor 50 Jahren gab es ein Land, das der arabischen Großmacht in den meisten wichtigen Daten glich: Südkorea. Die asiatische Republik hatte ungefähr genauso viele Einwohner, deren Anzahl im gleichen Tempo wuchs. Die Leute waren genauso arm wie die Ägypter, sie litten ebenso unter einer Diktatur und hohen Militärausgaben. Heute ist Südkorea eine technologiegetriebene Industriemacht, die Südkoreaner sind fünfmal so reich wie die Ägypter, sie leben zehn Jahre länger, und das in einer echten Demokratie.

Warum ist Ägypten nicht wie Südkorea geworden? Warum sehen so viele junge Männer keine Zukunft in ihrem Land, während in Südkorea mit 3,8 Prozent Arbeitslosenquote annähernd Vollbeschäftigung herrscht? In einem wichtigen Datum unterschieden sich Südkorea und Ägypten schon 1960: Damals konnten 71 Prozent der Südkoreaner lesen und schreiben, aber nur 25 Prozent der Ägypter. Heute sind die Ägypter gerade so weit wie die Koreaner vor 50 Jahren.

Folgenschwere Bildungsdefizite

Bildung ist ein Faktor. Das ist trivial. Analphabeten haben keine Optionen. Sie bleiben ausgeschlossen, selbst in wachsenden Volkswirtschaften, weil ihnen die Fähigkeiten fehlen, die neuen Jobs an PC, Callcenter-Telefon oder in der Chemiefabrik auszufüllen. Das ist ein Teil des ägyptischen Problems. Vom stattlichen Wachstum ihrer Volkswirtschaft in den vergangenen Jahren haben die Armen nicht profitiert. Weniger trivial ist ein zweiter Effekt: Ungebildete Frauen – in vielen islamisch geprägten Ländern sind Frauen die Bildungsverlierer (Ausnahme Iran) – bekommen besonders viele Kinder, sagt Reiner Klingholz, Leiter des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.

Erstens folgt nun einmal aus schlechter Bildung Unkenntnis über Verhütungsmethoden. Zweitens liegt mangels anderer Optionen die Mutterrolle nahe, drittens beginnt das Kinderkriegen früher, wenn die Frauen keine Schule und vor allem nicht die weiterbildende Schule besuchen: Wenn sie mit 16 Jahren Mutter werden anstatt mit 22, ist dies ein folgenschwerer Unterschied – für ihre individuelle Entwicklung und für die Gesellschaft.

Demografische Dividende

Südkoreas Führung propagierte seit den sechziger Jahren erfolgreich kleine Familien. Unter dem Militärregime Ägyptens, das möglicherweise Rekruten wünschte, geschah nichts dergleichen. „Am Beispiel Südkorea lässt sich leicht nachvollziehen, wie diese Entwicklung verläuft“, notiert das Berlin-Institut: „Staatlich geförderte Familienplanungskampagnen haben dort in den 1960er Jahren den Zugang zu modernen Verhütungsmethoden verbessert und erfolgreich für ein Leben mit weniger Kindern geworben. Binnen einer Generation sank die durchschnittliche Kinderzahl je Frau von etwa sechs im Jahr 1960 auf 1,6 im Jahr 1990.“

Diese Politik brachte Südkorea die sogenannte demografische Dividende: Familien und der Staat mussten weniger in Kinder investieren. Das asiatische Land profitierte aufgrund stärkerer Kapitalbildung und niedrigerer Kosten für wirtschaftlich abhängige Altersgruppen von einem sprunghaften Anstieg des nationalen Einkommens. „Der kombinierte Effekt dieser Dividende und politischer Maßnahmen kann Wirtschaftswachstum fördern“, schreibt das Berlin-Institut.

Weniger Geburten, mehr Wachstum

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