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Eskalation im Nahen Osten : Ungleiche Rivalen

Geduldeter Volkszorn: Auch am Montag demonstrierten im Zentrum Teherans tausende Iraner gegen die Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Nimr Baqir al Nimr in Saudi Arabien. Bild: AFP

Iran hat Masse, Saudi-Arabien aber Technologie. In einem konventionellen Krieg wäre Iran dem Rivalen unterlegen. Das könnte es durch einen asymmetrischen Krieg wettmachen.

          Es war nicht das erste Mal, dass der iranische Mob die saudische Botschaft in Teheran gestürmt hat. Ihren letzten Tiefpunkt hatten die Beziehungen zwischen dem sunnitischen Königreich Saudi-Arabien und der schiitischen Islamischen Republik im Sommer 1987 erreicht, dem siebten Jahr des Kriegs zwischen dem Irak und Iran, in dem Saudi-Arabien den irakischen Aggressor unterstützt hatte. Damals kamen am 31. Juli bei einer Massenpanik während der Hadsch mehr als vierhundert iranische Pilger ums Leben. In Iran war von einem saudischen „Massaker“ die Rede, am folgenden Morgen stürmte der Mob die Botschaft.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Revolutionsführer Chomeini sprach der saudischen Königsfamilie damals die Berechtigung ab, über die heiligen Stätte des Islams, Mekka und Medina, zu herrschen. Um die Pilger zu rächen, rief er zum Sturz der Monarchie auf. Wie auch nach der Erstürmung der saudischen Botschaft am vergangenen Sonntag antwortete Riad seinerzeit mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen. Sie wurden erst nach dem Golfkrieg von 1991, nach der Befreiung Kuweits von den irakischen Invasoren, wiederaufgenommen.

          Der Wutausbruch Chomeinis hatte das Haus Saud ins Mark getroffen. Denn die Sauds legitimieren ihre Herrschaft mit ihrer Verantwortung für Mekka und Medina. So lautet der offizielle Titel des saudischen Königs „der Hüter der beiden heiligen Stätten“. Überhaupt war mit Chomeinis Revolution 1979 eine Ära jahrzentelanger diskreter Kooperation zu Ende gegangen. Denn Chomeini benutzte, ebenso wie die Saudis, den Islam, wenn auch in seiner schiitischen Version, um seine Herrschaft zu legitimieren, und er geißelte die „Dekadenz“ der saudischen Monarchie.

          Revolution von 1979 führte zum Bruch

          Bis zur Revolution hatten gemeinsame Feinde die beiden Golfanrainer zusammengebracht. Als konservative und prowestliche Monarchien hatten sich das Haus Saud und die iranischen Pahlawis von der Sowjetunion und deren regionalen Stellvertretern, dem Ägypter Nasser sowie der im Irak und in Syrien herrschenden Baath-Partei, provoziert gefühlt. Sie standen sich weiter nahe, als sich die Briten 1971 militärisch aus den Regionen „östlich von Suez“ zurückzogen und die Vereinigten Staaten, die neue Schutzmacht, sich auf Iran wie auf Saudi-Arabien stützten. 1976 zeigten sich erste Risse in der Allianz über den Persischen Golf hinweg: Iran wollte einen höheren Ölpreis durchsetzen, Saudi-Arabien war mit dem Preisanstieg seit 1973 zufrieden und wollte Rücksicht auf die westlichen Industrieländer nehmen.

          Zum Bruch kam es mit der Revolution von 1979 und im Jahr darauf mit der massiven finanziellen Unterstützung Saudi-Arabiens für den Krieg, den der Iraker Saddam Hussein gegen Iran vom Zaun brach. Saudi-Arabien wollte einen Wall gegen den iranischen Revolutionsexport aufbauen und im neu entbrannten Kampf um die Vorherrschaft in der Region Iran in die Schranken weisen. Erst die Besetzung Kuweits im August 1990 und Saddam Husseins Absicht, nach Saudi-Arabien weiterzumarschieren, brachten das wahhabitische Königreich und die schiitische Republik wieder näher.

          Ali Akbar Haschemi Rafsandschani, von 1989 an iranischer Präsident, brach das Eis, und der Reformer Mohammad Chatami, von 1997 an sein Nachfolger, baute die Beziehungen aus – bis hin zu einem bilateralen Sicherheitsabkommen. Auf saudischer Seite hatte er mit Kronprinz Abdullah, der faktisch die Amtsgeschäfte führte, einen Gesprächspartner, dem aus panislamischen Überlegungen ebenfalls an einem Ende der Spannungen gelegen war.

          Waffen im Wert von 90,4 Milliarden Dollar bestellt

          Eine neue Eiszeit brach an, als die Amerikaner 2003 – gegen den saudischen Rat – Saddam Hussein stürzten und Iran nun in Bagdad die Fäden zog. Von nun an baute Iran auch auf Kosten Saudi-Arabiens seinen Einfluss in der arabischen Welt aus. Als Mahmud Ahmadineschad 2005 zum Präsidenten gewählt wurde, waren in Teheran die Revolutionsrhetorik und der Revolutionsexport zurück. Die Saudis waren auf der Hut. Den Kampf um die Vorherrschaft fochten beide nun über Stellvertreter aus, vor allem im Libanon und im Jemen, dann im Irak und in Syrien.

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