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Das Freitagsgebet : Worte und Niederwerfungen

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Freitagsgebet auf dem Tahrir-Platz in Kairo am 4. Februar Bild: Helmut Fricke, F.A.Z.

Dem Freitagsgebet der Muslime kommt seit jeher eine politische Bedeutung zu; stets bietet es Anlass für Kundgebungen. Es zeigt aber auch, dass dem Islam Orthopraxie oft mehr bedeutet als Orthodoxie.

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          Auch in Kairo ist es immer wieder das Freitagsgebet, also ein nach westlich-christlicher Auffassung rein religiöser Akt des Bittens oder Flehens zu Gott, der den Anlass bietet für politische Demonstrationen und Kundgebungen. Doch das Gebet unterscheidet sich im Islam von (heutigen) christlichen Vorstellungen. Vor mehr als dreißig Jahren konnte man schon aus Anlass der islamischen Revolution in Iran sehen, wie wichtig das Freitagsgebet in Teheran für den politischen Fortgang der Dinge war.

          Damals kamen Hunderttausende zu den Gebeten, um den Druck auf das Schah-Regime zu erhöhen; und bis heute ist das Amt des Freitagspredigers in der Islamischen Republik Iran eines der wichtigsten. Angehörige der Staatsspitze, wie etwa der langjährige Staatspräsident Hodschatoleslam Rafsandschani, nehmen es wahr. Im Zentrum Teherans, unweit der Universität, ist ein überdachter Gebetsplatz (mosalla) eingerichtet worden, der regelmäßig Schauplatz der Freitagsgebete ist.

          Das Beten gehört zu den fünf Pfeilern des Islam, ist also Pflicht für jeden Muslim, es sei denn, er wäre verhindert. Dann kann das Gebet nachgeholt werden. Zwar kennt der Islam auch das individuelle Bittgebet (dua), in dem der einzelne Gläubige von Gott etwas erbittet, doch zu den „Pfeilern“ gehört das Gemeinschaftsgebet (salat). Es findet zwischen der Morgenfrühe und dem Anbruch der Nacht fünfmal am Tag statt. Der Muezzin ruft zum Gemeinschaftsgebet („Herbei zum Heil, das Gebet ist besser als der Schlaf!“), vor dessen Vollzug sich der Gläubige zu reinigen hat, denn er muss im Zustand der Tahara sein, der äußerlichen wie innerlichen Reinheit. Der Sinn des „salat“ ist weniger das Bitten um Heil oder die Erfüllung bestimmter Wünsche, als vielmehr die gemeinsame Bekundung des Glaubens durch die Gemeinde. In den Niederwerfungen, die das Gebet der Muslime kennzeichnen, bei denen der Gläubige mit der Stirne den Gebetsteppich berührt, bezeugen die Beter die Allmacht und Erhabenheit Gottes, vor dessen Majestät sie sich verneigen.

          Gebet der Hunderttausenden

          Der Islam ist vor allem eine religiöse Praxis

          Unter den Gemeinschaftsgebeten nimmt das Freitagsgebet einen besonderen Rang ein, der Freitag ist der Feiertag (Gebetstag) der Muslime. Schon früh wurden in den großen Zentren der islamischen Welt Freitagsmoscheen errichtet, die größer waren als andere, da sich mehr Personen dort versammelten als in den anderen Moscheen üblich. Freitagsmoscheen wurden bisweilen auch besonders prachtvoll ausgestaltet. Doch genügte, wenn etwa ein Landstrich erobert worden war, auch ein abgestecktes Viereck, um dort das Ritualgebet zu verrichten.

          Am Freitag wird das Gemeinschaftsgebet durch eine Predigt ergänzt. Rechts neben der Gebetsnische (mihrab) steht eine Kanzel (minbar), von der aus der Chatib, der Prediger, zur Gemeinde spricht. Der Inhalt der Freitagspredigten wird entweder frei gestaltet, oder er wird - je nach Land - vorgegeben. In Ägypten obliegt es der als Autorität geltenden Theologenschule Al Azhar, Richtlinien für die Freitagspredigten herauszugeben, nicht zuletzt, um radikale Tendenzen zu unterbinden. Auch in der Türkei gibt das Diyanet, das „Religionsministerium“, das für die Vorbeter und die Moscheen im Lande zuständig ist, solche Leitfäden heraus.

          Als Inhalt wählt sich der Prediger oft eine Koranstelle aus, die er erläutert, doch sind auch politische Inhalte nicht selten. Oder eine theologische Predigt geht unversehens ins Gesellschaftspolitische oder Politische über. Heute werden Freitagspredigten oft über Lautsprecher ins Freie übertragen, zumal in Ägypten sind die Moscheen freitags so voll, dass der Rest der Beter im Freien den Ritus verrichten muss. In Kairo sind dann ganze Straßenzüge abgesperrt.

          Neben dem Fasten im Ramadan, das ebenfalls zu den fünf Pfeilern des Glaubens gehört, macht das Ritualgebet am besten deutlich, dass dem Islam Orthopraxie häufig mehr bedeutet als Orthodoxie. Der Islam ist vor allem eine religiöse Praxis. Als der Prophet Mohammed in Mekka zu wirken begann, fiel er - neben seinen Predigten - seinen Landsleuten vor allem dadurch auf, dass er mit seinen Anhängern rituelle Bewegungen vollzog, die ihnen fremdartig erschienen.

          Immer war dem Gemeinschaftsgebet der Muslime auch eine politische Bedeutung inhärent. Kam ein neuer Herrscher auf den Thron, legal, durch Umsturz oder Eroberung, galt seine Souveränität - neben dem Prägen von Münzen - erst dann als anerkannt, wenn das Gebet und Predigt in seinem Namen vollzogen wurden. Immer auch waren Moscheen Orte politischen Widerstandes, wenn Muslime gegen Herrschaft aufbegehrten, die sie für illegitim hielten. Unter den Teilnehmern an den Freitagsgebeten in Kairo dürften viele die jetzt gegen Mubarak gerichtete Tradition als ganz natürlich empfinden.

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