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Christen im Libanon : Verfolgt seit 1500 Jahren

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Kampf der Kulturen: Baschir, Amin und Pierre Dschemajel senior auf einem Schmähgemälde von 1984 Bild: Corbis

Die Christen im Libanon müssen seit Generationen um ihre Existenz kämpfen, mit allen politischen und kriegerischen Mitteln. Für den Kampf der Generationen steht die Familie Dschemajel wie keine andere.

          Sami Dschemajel redet sich in Rage. „Sie behandeln uns wie Hunde“, schimpft der junge libanesische Politiker. Im Regal in seinem Büro stehen ein Bildband der Kennedys, eine Biographie Jacques Chiracs und eine Geschichte der maronitischen Kirche. „Der Westen schert sich einen Dreck um Libanons Christen“, sagt der 2009 ins Beiruter Parlament gewählte Abgeordnete und lacht verächtlich. „Dabei befinden wir uns an der langen Front eines sehr großen Krieges.“ Der Kampf der Kulturen finde im Libanon statt: „Saudi-Arabien gibt den Sunniten hier jedes Jahr Milliarden von Dollar, die Hizbullah kriegt Geld und Waffen aus Iran, nur an uns denkt keiner.“

          Verraten und vergessen, verfolgt und verkauft. „Alles, was die Regierungen im Westen interessiert, sind ihre Verträge, ihr Einfluss, ihre Verbündeten, ihre Firmen und ihr Geld“, sagt der Nachfahre einer der traditionsreichsten christlichen Familien des Libanon. Samis Vater Amin Dschemajel war von 1982 bis 1998 libanesischer Präsident, sein Onkel Baschir Anführer der schlagkräftigsten christlichen Bürgerkriegsmiliz, den Forces Libanaises. Auch Samis Cousin Nadim sitzt als Abgeordneter der Kataib-Partei im Parlament. Ihr Großvater Pierre Dschemajel hatte die christliche Partei nach dem Besuch der Olympischen Spiele 1936 in Berlin gegründet - dem Vorbild der Hitlerjugend folgend, deren Disziplin ihn begeisterte. Bis zum Beginn des Bürgerkrieges 1975 sollte er die Bewegung auf einen stramm antimuslimischen und antipalästinensischen Kurs trimmen.

          Sich selbst zu verteidigen als Kern der Identität

          Eine große Statue des 1984 gestorbenen Patriarchen und Parteigründers Pierre Dschemajel steht am Ortseingang von Bikfaya, dem jahrhundertealten Familiensitz der Dschemajel in den Bergen oberhalb Beiruts. Wie ein Opfer steht er nicht da. Auch sein 31 Jahre alter Enkel wirkt nicht so. Doch der Wutanfall des Nachwuchspolitikers soll den Eindruck erwecken: Nicht einmal verbale Unterstützung hätten die Regierungen in Paris, Washington und Berlin für die Christen im Nahen Osten übrig - trotz Hunderttausender, die seit 2003 aus dem Irak und nun aus Syrien geflohen sind. Moralische Werte zählten nichts mehr. „Man lässt uns im Stich, obwohl wir es sind, die die westlichen Werte von Modernität und Demokratie verteidigen.“ Der Preis dafür sei hoch - und das „seit fünfzig, nein, seit tausendfünfhundert Jahren“.

          Auf dem Höhepunkt einer politisch-strategischen Allianz mit Israel: Baschir Dschemajel 1982 vor seiner Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten in Beirut

          Dschemajel steht mit dieser Haltung nicht allein. Er spricht aus, was viele libanesische Christen denken. Im siebten Jahrhundert begannen die Maroniten vor Verfolgung in die unzugänglichen Berge des Libanon zu fliehen; seit 1445 ist die Glaubensgemeinschaft, die von Anhängern Mönch Marons im vierten Jahrhundert im heutigen Syrien gegründet wurde, offiziell mit Rom uniert. 1860 fielen viele Mitglieder der größten christlichen Konfessionsgruppe des Libanon Pogromen zum Opfer, wegen Hungersnöten wanderten während des Ersten Weltkriegs Zehntausende aus - nach Amerika, Afrika und Australien. Dennoch boten das Libanon-Gebirge und die Ortschaften an der Mittelmeerküste den Christen der Levante das, was für die zionistische Bewegung Palästina verkörperte: ein Mindestmaß an Sicherheit in einer ansonsten feindlichen muslimischen Umgebung.

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