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Chemiewaffeneinsatz in Syrien? : Senfgas, Sarin und das Nervengift VX

Aleppo nach einem konventionellen Angriff, wie er seit zwei Jahren nahezu täglich geschieht. Bild: REUTERS

Nach amerikanischen und israelischen Erkenntnissen verfügt die Armee Assads über große Bestände an Senfgas, Sarin und VX-Nervengift. Einen Großteil davon haben Syriens Streitkräfte offenbar einsatzfähig gemacht.

          Nach Einschätzung der israelischen Regierung ist Syrien eine „Chemiewaffen-Supermacht“. Das Regime von Präsident Baschar al Assad verfüge über mehr als tausend Tonnen entsprechender Substanzen, sagte der Chef der Forschungsabteilung des Militärgeheimdienstes Itai Brun am Dienstag. Der Rüstungsfachmann David Friedman vom Tel Aviver Institut für nationale Sicherheitsstudien (INSS) vermutet, dass das Nachbarland Israels das größte Chemiewaffenarsenal in der Region besitze. Nicht nur wegen des andauernden Bürgerkriegs bleibt es jedoch schwierig, verlässliche Informationen zu erhalten: Anders als etwa Libyen unterzeichnete das Regime in Damaskus nie die internationale Chemiewaffenkonvention. Unabhängige Fachleute durften deshalb auch vor Beginn der Unruhen nicht zu eigenen Überprüfungen ins Land.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Nach amerikanischen und israelischen Erkenntnissen verfügt Assads Armee über umfangreiche Bestände an Senfgas, Sarin und des Nervengifts VX. Itai Brun hatte am Dienstag davon gesprochen, dass im März in Syrien Sarin zum Einsatz gekommen sei. Der chemische Kampfstoff ist schon in sehr kleinen Mengen tödlich. Mitglieder der „Aum-Sekte“ hatten ihn in den neunziger Jahren bei zwei Terroranschlägen in Japan eingesetzt, bei denen 13 Personen getötet wurden. Zuvor verwendete der Irak unter Saddam Hussein den Kampfstoff im Krieg gegen Iran sowie 1988 gegen die kurdische Minderheit im Norden des Landes. Nach unbestätigten Berichten erhielt Syrien kurz vor Beginn des Irak-Kriegs im März 2003 Teile des Chemiewaffenarsenals des Nachbarlandes.

          Sarin ist eine Phosphorverbindung, die durch Einatmen und über die Haut aufgenommen wird. Schon eine Menge von einem Milligramm führt binnen Minuten zu Atemlähmung und Herzstillstand. Das Gas wurde Ende der dreißiger Jahre vom deutschen Chemiker Gerhard Schrader als Insektenvernichtungsmittel entwickelt und im Zweiten Weltkrieg als Kampfstoff produziert, jedoch nicht eingesetzt.

          Auch biologische Waffen entwickelt?

          Weniger Klarheit besteht darüber, ob das Regime in Damaskus auch biologische Waffen entwickelt hat. In Israel verweisen Fachleute auf angeblich glaubhafte Hinweise darauf, dass Syrien zumindest zeitweise versucht habe, solche Stoffe herzustellen. In Amerika wurde zudem der Verdacht geäußert, Syrien besitze auch den Milzbranderreger Anthrax sowie die Erreger Botulinumtoxin und Rizin.

          Syrien, das schon seit Anfang der siebziger Jahre Chemiewaffen produzierte, war dabei immer auf ausländische Unterstützung angewiesen. Sie soll zuletzt vor allem aus Iran gekommen sein, mit dem 2005 ein entsprechendes Abkommen unterzeichnet wurde. Nach Angaben des amerikanischen Fachmanns für Sicherheitspolitik Anthony Cordesman importierte Syrien mehrere hundert Tonnen Vorprodukte für die Herstellung von Nervengas aus Iran.

          Die syrischen Streitkräfte haben mittlerweile offenbar einen großen Teil der Nervengase einsatzfähig gemacht. Sie besitzen Sprengköpfe, die sie mit Artilleriegeschossen oder Scud-Kurzstreckenraketen ins Ziel bringen können. Westliche Militärs befürchten, dass auch unbemannte Drohnen mit den Kampfstoffen ausgerüstet werden könnten. Die an drei oder vier Produktionsstätten hergestellten Komponenten wurden nach Erkenntnissen israelischer Geheimdienste in den vergangenen Monaten auf möglicherweise bis zu 18 Lagerstätten in Syrien verteilt. Eine ausländische Militäraktion, um die Kampfstoffe zu sichern, würde deshalb sehr schwierig. Luftangriffe wären wegen ihrer Folgen für Menschen wie Umwelt riskant; zudem könnte dabei nur ein Teil des Arsenals unschädlich gemacht werden. Laut amerikanischen Presseberichten wären bis zu 75.000 Soldaten nötig, um die gesamten Bestände in Syrien zu sichern.

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