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Bürgerkrieg in Syrien : Ende der Schonzeit

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Rauch steigt auf über den römischen Tempelanlagen von Palmyra, die seit 1980 zum Unesco-Weltkulturerbe zählen. Bild: Reuters

In Palmyra ergreifen die Soldaten des Regimes von Baschar al Assad die Flucht vor dem IS. Es ist eine Demütigung für den syrischen Diktator und eine deutliche Kampfansage der Extremisten.

          Feuer lodert auf, und im Dunkel der Dämmerung leuchten die Displays einiger Mobiltelefone. Als die Flammen das riesige Plakat von Machthaber Baschar al Assad erfasst haben, springt ein Dutzend Kinder und Jugendlicher vor Freude in die Höhe. „Allahu akbar!“ rufen sie – und das nur ein paar Straßenzüge von dem berüchtigten Gefängnis von Palmyra entfernt. Über Jahrzehnte ließen der bedrängte Gewaltherrscher und sein Vater, Hafiz al Assad, hier Häftlinge foltern und in ihren Zellen verrecken. Andere Amateuraufnahmen wie diese, die im Internet verbreitet werden, zeigen Kämpfer des „Islamischen Staates“ (IS) bei ihrem Einmarsch in Palmyra: Mit Maschinengewehren schießen sie in den Himmel. Assads Luftwaffe hatte noch versucht, sie aufzuhalten. Es war ein hoffnungsloses Unterfangen.

          Um ihre eigene Haut zu retten, haben sich Soldaten und Polizisten aus dem Staub gemacht – so wie am Wochenende Soldaten der irakischen Armee aus Ramadi, gelegen knapp 500 Kilometer östlich von Palmyra, am anderen Ende der riesigen Syrischen Wüste. Trotz massiver militärischer Unterstützung durch Iran sind weder der Alawit Assad noch der schiitische Regierungschef in Bagdad, Haider al Abadi, in der Lage, den Vormarsch des IS zu bremsen. Auch den Luftwaffenstützpunkt am Stadtrand von Palmyra ließen die ausgezehrten syrischen Streitkräfte am Mittwoch kampflos zurück. Fotos von lachenden IS-Kämpfern auf erbeuteten Kampffliegern kursieren seitdem im Internet.

          In letzter Minute rafften Mitarbeiter des Museums in Palmyra am Mittwoch Hunderte Statuen und andere antike Kunstgegenstände in Kisten auf Lastwagen, um sie in Sicherheit zu bringen. Doch die Sorge, dass nach den assyrischen Königsstädten Nimrud und Hatra im Nordirak auch die römischen Tempelanlagen von Palmyra, die seit 1980 zum Unesco-Weltkulturerbe zählen, zerstört werden, ist groß.

          Palmyra ist ein Wendepunkt

          Für den Machthaber in Damaskus ist die Eroberung der antiken Oasenstadt an der strategisch wichtigen Verbindungsstraße zwischen der Provinzhauptstadt Homs und dem Westirak vor allem ein militärisches Debakel: Zum ersten Mal seit Beginn des bewaffneten Konflikts zwischen Regierungs- und Oppositionskräften ist es dem IS gelungen, direkt von seinen Truppen gehaltenes städtisches Gebiet unter Kontrolle zu bringen. In den Provinzen Raqqa, Aleppo, Deir al Zor und Idlib hatten die Extremisten bislang stets Rebellenmilizen aus ihren Stützpunkten vertrieben.

          Einen Wendepunkt bildet der Fall Palmyras im syrischen Bürgerkrieg auch deshalb, weil die Zeit, in der sich das Regime in Damaskus, das am Rande seiner militärischen Kräfte steht, und die Truppen des selbsternannten Kalifen Abu Bakr al Bagdadi schonten, endgültig vorbei sein dürfte. Seit dem Bruch zwischen dem IS und der Nusra-Front 2013 waren sich die Dschihadisten und Einheiten des Regimes an den wichtigsten Fronten des Landes aus dem Weg gegangen. Der Grund für das Taktieren lag auf der Hand: bewaffnete Regimegegner, die sich weiter vage der Freien Syrischen Armee (FSA) zugehörig fühlten, stellten für beide eine Bedrohung dar. Sowohl dem religiösen Tugendterror der sunnitischen Extremisten als auch der Folterherrschaft Assads wollten sie sich nicht unterwerfen.

          Aber auch weil er inzwischen nur noch mit Hilfe libanesischer, afghanischer und iranischer Schiitenkämpfer ein Gleichgewicht der Kräfte aufrecht erhalten konnte, spielte Assad zuletzt mit dem Feuer: Selbst die Eroberung des unweit seines Präsidentenpalastes in Damaskus gelegenen Palästinenserviertels Yarmuk durch IS-Verbündete nahm er im April hin, ohne einzugreifen. Er wollte auf diese Weise verhindern, dass ein von Oppositionsmilizen geplanter Korridor von der jordanischen Grenze bis in die syrische Hauptstadt entsteht. Dieser würde es seinen Gegnern erlauben, Waffen und Kämpfer bis ins Zentrum der Macht zu schleusen. Der angesichts des Aufstiegs des IS in Vergessenheit geratene, noch 2012 angestrebte Sturz Assads geriete dadurch wieder in Reichweite.

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