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Britische Botschaft : Ein Schritt auf Teheran zu

Großbritanniens Außenminister William Hague Bild: dpa

Kühler Realismus dominiert Großbritanniens Außenpolitik. London eröffnet die Botschaft in Teheran wieder – und hofft, sich aus dem Kampf gegen die Dschihadisten im Irak heraushalten zu können.

          2 Min.

          Von einer „erstaunlichen diplomatischen Pirouette“ sprach die BBC, als sie die Erklärung der britischen Regierung kommentierte. Außenminister William Hague hatte versucht, genau diesen Eindruck zu vermeiden: Er stellte die angekündigte Wiedereröffnung der britischen Botschaft in Teheran am Dienstag als eine seit längerem vorbereitete Übung dar, die niemanden überraschen sollte. Schon vor vier Monaten habe London mit der Ernennung eines (nicht in Teheran residierenden) „Chargés d’Affaires“ die Verbesserung der Beziehungen eingeleitet, hieß es in der Erklärung. Gefolgt seien bilaterale Gespräche über praktische Fragen, insbesondere Sicherheitsaspekte. „Ich habe nie daran gezweifelt, dass Großbritannien eine Botschaft in Teheran haben soll, sofern die Umstände dies zulassen“, sagte Hague.

          Jochen Buchsteiner
          (job.), Politik

          Den Hintergrund der diplomatischen Volte versteckt die Erklärung in einem kurzen, allgemein klingenden Satz: „Iran ist ein wichtiges Land in einer volatilen Region.“ Noch am Montag hatte Hague im Unterhaus gesagt, die im Irak vorrückenden Dschihadisten müssten „besiegt“ werden. Zugleich schloss er ein militärisches Eingreifen Großbritanniens aus. Beobachter in London vermuten, dass die Regierung nunmehr auf Iran setzt, das ein politisches, womöglich militärisches Gegengewicht auf die Waage bringt. „Die Dinge haben sich sehr stark verändert“, sagte der Labour-Außenpolitiker Jeremy Corbyn.

          In London herrscht wachsende Abneigung gegen Militäraktionen

          London will zunächst nur ein kleines Diplomatenteam nach Teheran schicken, Visaanträge müssen einstweilen weiterhin in Abu Dhabi oder Istanbul gestellt werden. Die Bedeutung des Schrittes wird erst im Rückblick auf die vergangenen Jahre erkennbar. Lange Zeit wurde Iran zur „Achse des Bösen“ gezählt, eine Verortung, die von Präsident George W. Bush vorgenommen, vom damaligen britischen Premierminister Tony Blair aber mitgetragen wurde. Die Kritik am iranischen Atomprogramm und an Menschenrechtsverletzungen mündete in Sanktionen, die auch die Diplomatie berührten. Als London im Herbst 2011 ankündigte, seinen Botschafter abzuziehen, stürmten iranische „Studenten“ die Vertretung in Teheran und forderten den sofortigen Weggang der Diplomaten. Das Gebäude wurde verwüstet, die UN protestierten. Die nachfolgende Funkstille wurde erst unterbrochen, als der reformorientierte Präsident Hassan Rohani an die Macht kam und die Verhandlungen über das Atomprogramm aus der Sackgasse fanden.

          Hague kündigte die Wiederaufnahme geschäftsmäßiger diplomatischer Beziehungen nach einem Telefongespräch mit dem iranischen Außenminister Dschawad Zarif an. Vor dem Unterhaus trat Hague am Dienstag dem Verdacht entgegen, Londons Haltung gegenüber Teheran werde nun „weicher“. Man erwarte weiterhin, dass Teheran die Unterstützung radikaler Gruppen im Nahen Osten beendet und die Verhandlungen über sein Nuklearprogramm erfolgreich abschließe, sagte Hague – sprach aber auch von „gemeinsamem Interesse an der Stabilität der Region“.

          Der Versuch, über eine Annäherung an den früheren Paria Einfluss auf die Vorgänge im Irak zu gewinnen, reflektiert vor allem die gewachsene Abneigung Londons, in der Region selbst aktiv zu werden. Als Tony Blair am Sonntag ein militärisches Eingreifen Washingtons und Londons forderte, hagelte es Kritik. Wie tief der Wandel im außenpolitischen Establishment inzwischen reicht, dokumentierte am Dienstag die „Financial Times“. Die Zeitung, die im vergangenen Jahr so leidenschaftlich wie vergeblich für ein militärisches Eingreifen in Syrien geworben hat, sieht nun eine Situation nahen, in der der Westen nicht nur das Kriegsbeil mit Rohani begraben könnte, sondern sogar mit dem syrischen Machthaber Assad. Kühler Realismus macht sich breit: „Die Geschichte des vergangenen Jahrzehnts zeigt, dass der Westen – bei aller Fähigkeit zu schnellen Siegen auf dem Schlachtfeld – eine trostlose Bilanz bei der Sicherung langfristiger und akzeptabler politischer Ergebnisse verzeichnet.“

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