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Reaktionen auf Netanjahu-Rede : Genie im Überlebenskampf

Benjamin Netanjahu: Setzt im Wahlkampf auf Außen- und Sicherheitspolitik Bild: dpa

Die Rede vor dem amerikanischen Kongress soll Netanjahu im Wahlkampf nützen. Der israelische Ministerpräsident erweist sich wieder einmal als ein politisches Genie, denn er profitiert vom Streit mit Obama.

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          Benjamin Netanjahu wirkte müde, aber zufrieden. Demokraten und Republikaner hätten verstanden, wie schlecht der aktuelle Vorschlag für ein Atomabkommen sei, sagte der israelische Ministerpräsident nach seiner Landung in Tel Aviv. Danach wünschte er ein „frohes Purimfest“: Am Mittwochabend beginnt der Feiertag, an dem Juden sich daran erinnern, wie sie einst in Persien vor der Vernichtung gerettet wurden. Kinder und Erwachsene verkleiden sich. Es wird ähnlich fröhlich gefeiert, wie während des Karnevals. In seiner Rede vor dem Kongress erwähnte Netanjahu die Rettung der persischen Juden vor 2500 Jahren als ein Beispiel dafür, wie Juden sich das Recht nahmen, sich selbst zu verteidigen.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Netanjahus historische Anspielungen und der Rest der Rede kamen in Israel gut an. Selbst Oppositionsführer Jitzhak Herzog gestand dem Ministerpräsidenten zu, er habe „exzellent“ gesprochen. Wie Netanjahu fordert auch der Spitzenkandidat des „Zionistischen Lagers“, ein schlechtes Abkommen mit Teheran zu verhindern. „Die schmerzhafte Wahrheit nach all dem Applaus ist aber, dass Netanjahu alleine und Israel isoliert bleibt. Die Verhandlungen mit Iran gehen ohne israelische Beteiligung weiter“, sagte Herzog.

          Überdies habe Netanjahu den israelischen Einfluss auf die amerikanische Regierung verspielt. Statt zur Jahreskonferenz der proisraelischen Lobbyorganisation Aipac nach Washington zu reisen, hatte Herzog am Dienstagabend den kleinen Ort Nir Mosche an der Grenze zum Gazastreifen besucht, der während des Kriegs 2014 unter Raketenbeschuss geraten war. Er wolle lieber in der Nähe der Israelis sein, die an den Grenzen militärisch und wirtschaftlich in Bedrängnis sind, sagte Herzog.

          Doch seine Worte und Gesten konnten nicht mit der Fernsehübertragung aus Washington konkurrieren. Der umjubelte Empfang, den der Kongress Netanjahu bereitete, tat dem Ministerpräsidenten und vielen Israelis wohl, die besorgt darüber sind, dass ihr Land international immer stärker international in die Isolation gerät. Sie störte auch nicht, dass Netanjahu mit keinen neuen Argumenten oder Erkenntnissen aufwartete, wie Kommentatoren einhellig feststellten.

          „Ein politisches Genie“

          In makellosem Englisch sprach der Ministerpräsident aus, was wohl eine Mehrheit über den Atomkonflikt denkt. „Netanjahu ist ein politisches Genie, besonders wenn es um sein eigenes Überleben geht“, erkannte die Zeitung „Maariv“ an: Kurzfristig werde ihm das nützen, längerfristig aber dem Verhältnis zu Amerika schaden.

          In der Vergangenheit zeigten Umfragen, dass Netanjahu von einer offenen Auseinandersetzung mit Präsident Barack Obama im rechten Lager politisch profitierte. Im Wahlkampf dominieren nun wieder Außen- und Sicherheitspolitik.

          Auf diesem Gebiet trauen die Wähler dem Amtsinhaber mehr zu, als im Kampf gegen die hohen Wohnungspreise und Lebenshaltungskosten. Seine Likud-Partei braucht dringend mehr Zuspruch, denn noch am Dienstag lag sie drei Mandate hinter Herzogs „Zionistischem Lager“.

          In Israel interessierte deshalb am Mittwoch stärker, wie viele Knesset-Sitze Netanjahu seine Rede bringen wird und weniger ihre Auswirkungen sie auf die laufenden Atomgespräche.

          Netanjahu in Washington : Iran bei Atomverhandlungen nicht glaubwürdig

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