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Auseinandersetzungen in Herford : Glaubenskrieg erreicht Deutschland

  • -Aktualisiert am

Aufgebracht: Yeziden protestieren in Herford gegen Übergriffe durch Islamisten Bild: dpa

Erst greifen Anhänger der Terrororganisation „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ einen yezidischen Wirt in Herford an, dann versammeln sich rund 300 Yeziden im Zentrum der Kleinstadt. Der Irak-Konflikt kommt in Deutschland an.

          Eigentlich wollten die Yeziden erst am Freitag in Herford demonstrieren. Im Irak werden Angehörige der Religionsgemeinschaft ebenso wie Christen von den salafistisch-dschihadistischen Kämpfern der Terrororganisation „Islamischer Staat im Irak und Syrien“ brutal verfolgt.

          Reiner Burger

          Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.

          Zwischen 40.000 und 60.000 Yeziden leben in Deutschland - vor allem im südlichen Niedersachsen und im nördlichen Nordrhein-Westfalen. In dieser Region gehen Yeziden derzeit vielerorts auf die Straße, um auf das Leid ihrer Glaubensbrüder im Irak aufmerksam zu machen.

          Am Dienstag fand eine große Kundgebung in Osnabrück statt, am Samstag wollen Yeziden in Bielefeld demonstrieren. Davor sollte es noch zwei weitere Versammlungen geben: am späten Donnerstagnachmittag in Detmold und eben am Freitag in Herford.

          Für die Demonstration in seiner Heimatstadt wollte der Wirt des „Herforder Grillhauses“ werben. Am Mittwoch hängte er im Schaufenster seines yezidischen Restaurants deshalb ein Plakat auf. Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler fühlten sich sechs aus Tschetschenien stammende Muslime durch den Demonstrationsaufruf gegen die Terrororganisation IS provoziert und griffen den Wirt und vier weitere Yeziden an.

          Mobilisierung durch soziale Netzwerke

          Der Wirt und ein 16 Jahre alter Schüler trugen leichte Stichverletzungen davon und mussten im Krankenhaus behandelt werden. Die sechs mutmaßlichen Angreifer wurden vorübergehend festgenommen. Bei ihnen handelt es sich nach Angaben eines Polizeisprechers um „polizeibekannte Kleinkriminelle“ im Alter von 20 bis 26 Jahren aus Herford, Hiddenhausen und Hamburg.

          Wie leicht und schnell sich emotionalisierte Leute im Internetzeitalter mobilisieren lassen, zeigt sich am bisher einmaligen Fall Herford geradezu exemplarisch. Die Nachricht vom Überfall mutmaßlicher Salafisten auf Yeziden in der deutschen Provinz verbreitete sich zusammen mit Gerüchten über die angeblich schweren Verletzungen der Opfer in Windeseile über Kommunikationskanäle wie Facebook.

          Nur wenige Stunden später erreichten viele Autos mit Bielefelder, Oldenburger oder Hannoveraner Kennzeichen das kleine Herford, und rund 300 vorwiegend junge Yeziden formierten sich, um sich in der Stadt auf die Suche nach den Tschetschenen zu machen.

          In der Innenstadt trafen sie dann auf mehrere Gruppen von Muslimen, Salafisten und Anhängern der Terrorgruppe IS. Beide Seiten attackierten sich und setzten dabei Holzlatten, Steine und Flaschen ein. Nach Angaben der Polizei kam es zu weiteren Körperverletzungen und zudem zu Sachbeschädigungen.

          Yeziden-Führung verurteilt Ausschreitungen 

          Eine größere Gruppe vermummter Personen habe auf Passanten eingeschlagen. Ein 24 Jahre alter Herforder erlitt Platzwunden und Prellungen. „Wir mussten den Angriff mit einem massiven Einsatz von Pfefferspray beenden. Einen solchen Glaubenskonflikt haben wir hier noch nie erlebt“, sagt ein Sprecher der Herforder Polizei.

          Polizisten aus ganz Ostwestfalen und Beamte aus Bochum und Dortmund waren im Einsatz, am Donnerstag blieben Polizisten einer Einsatzhundertschaft vorsorglich in Herford.

          Telim Tolan, der Sprecher des Zentralrats der Yeziden in Deutschland, ist entsetzt über die beiden Herforder Ereignisse. „Es ist das erste Mal, dass Salafisten in Deutschland Yeziden angegriffen haben.“ Als ein „ganz großes Problem“ bezeichnet Tolan auch, dass sich Yeziden hätten provozieren und zu Gewalt hinreißen lassen. „Das verurteilen wir. So etwas darf sich nicht wiederholen.“

          Durch einen Vorfall wie in Herford bestehe die Gefahr, dass aus Opfern Täter gemacht würden „Wir brauchen keinen Nebenkriegsschauplatz. Es geht um den Massenmord an den Yeziden durch islamistische Dschihadisten im Irak. Wir Yeziden sind die Opfer.“

          In einer ersten Stellungnahme weist auch der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) darauf hin, dass die Auseinandersetzung in Herford eine Auswirkung des Krieges im Irak sei, wo fanatische Terroristen einen islamistischen Gottesstaat errichten wollten. „Sie überfallen und töten unschuldige Menschen, das führt zu großer Emotionalisierung der bei uns lebenden Yeziden. Das ist verständlich.“

          Jeder habe in Deutschland das Recht, seine Meinung frei zu äußern und zu demonstrieren. „Meinungs- und Versammlungsfreiheit rechtfertigen aber keine Gewalt. Das dulden wir nicht. Gegen Gewalttäter geht die nordrhein-westfälische Polizei konsequent vor.“

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