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Aufstand im Irak : Die Profiteure der Isis-Offensive

  • -Aktualisiert am

Kurdische Peshmerga in Arbil Bild: AFP

Die Kurden im Nordirak sind die heimlichen Gewinner des Terrors. Ist angesichts des sunnitisch-schiitischen Konflikts der Weg zu einem Kurdenstaat nun frei?

          Was in den vergangenen Tagen im Irak passiert ist – Nehad Salim Qoja kann es noch nicht so recht fassen. Qoja, ein Kurde mit deutschem Pass, ist seit 2004 Bürgermeister von Arbil, der aufstrebenden Millionenstadt im Nordirak. Wie Millionen in Deutschland sitzt der Bürgermeister der kurdischen Hauptstadt am Montagabend im Biergarten „Deutscher Hof“ vor einer Videoleinwand, um beim ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Portugal dabei zu sein.

          Den Aufstieg der von Saddam Hussein geknechteten Provinzhauptstadt zur boomenden Ölmetropole hat er in der vergangenen Dekade entscheidend mitgeprägt. Mit wehenden Fahnen nahm die Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und (Groß-)Syrien (Isis) vor einer Woche Mossul ein, tags darauf flüchteten Tausende Soldaten aus Kirkuk in die kurdischen Gebiete. Weil sie nicht vor den Standgerichten der Dschihadisten landen wollten, suchten die Regierungstruppen das Weite – und boten der kurdischen Regionalregierung (KRG) Präsident Massud Barzanis die einmalige Chance, den seit Jahren schwelenden Gebietskonflikt mit der Zentralregierung über die Vielvölkerstadt ein für allemal zu lösen. „Alles, wofür wir Jahre gekämpft haben, ist in Erfüllung gegangen“, sagt Qoja.

          Weil der Kurdenführer nicht lange zögerte, seinen Truppen den Marschbefehl auszustellen, ist Kirkuk eine Woche nach der Isis-Invasion eine kurdische Gemeinde. Die Regionalgarde der Peschmerga kontrolliert Ein- und Ausgänge, die Grenzen zwischen dem KRG-Gebiet und der ölreichen Gegend rund um die Provinzhauptstadt sind gefallen. Südlich von Kirkuk bleibt die Lage zwar weiter angespannt; noch am Wochenende lieferten sich Peschmerga-Einheiten Gefechte mit Isis-Kämpfern. Doch eine Rückkehr der Regierungseinheiten aus Bagdad steht außer Frage: Mehr als 140000 Soldaten seien in den Provinzen Ninive, Salahuddin und Kirkuk desertiert, heißt es in Arbil, sechs der 16 irakischen Armee-Divisionen hätten sich aufgelöst. Die neue Ordnungsmacht ist kurdisch.

          Sämtliche Gebietsansprüche sind erfüllt

          In Arbil, wo die Führung Präsident Massud Barzanis seit Jahren auf eine Sezession von Bagdad hingearbeitet hat, kostet man den Sieg bislang eher still aus. Angesichts der Berichte über Massenhinrichtungen durch die Dschihadisten wäre Triumphalismus unangebracht, heißt es – zumal Hunderttausende aus den Gegenden um Takrit, Samarra und Mossul in die kurdische Autonomieregion geflohen sind. Die Reichweite der territorialen Neuordnung aber ist allen Akteuren klar: Sämtliche Gebietsansprüche, die die Kurden jemals gegenüber der Zentralregierung erhoben, sind erfüllt – und eine Rückeroberung durch die Armee ausgeschlossen. „Isis hat für uns die Dreckarbeit gemacht“, sagt der Mitarbeiter eines Ministeriums, der namentlich nicht genannt werden will.

          Arbils Weg in die Unabhängigkeit scheint nach dem Blitzkrieg von Isis unaufhaltsam – mit weitreichenden Folgen: Das Unrecht von 1923, als die Kolonialmächte auf der Konferenz von Lausanne den Kurden den drei Jahre zuvor in Sèvres zugesagten Staat doch noch verwehrten, könnte ein knappes Jahrhundert später historischer Gerechtigkeit weichen. „Die jüngsten Entwicklungen bergen eine goldene Chance für die Kurden“, sagt Sarbaz Salih, Chefredakteur der Wochenzeitung „Wishe“. Elf Jahre nach dem Sturz Saddam Husseins könne die Knute aus Bagdad endgültig abgeschüttelt werden.

          Auf dem Weg in die Unabhängigkeit?

          Weit über das eigentliche Territorium der Kurdenrepublik gehen die von den Peschmerga kontrollierten Gebiete seit vergangener Woche hinaus. Sollte Barzani die drei Provinzen Arbil, Dohuk und Suleimanije in den kommenden Jahren wirklich in die Unabhängigkeit führen, wären wohl auch Kirkuk und das ölreiche Umland der Vielvölkergemeinde mit dabei. „Die ökonomische Unabhängigkeit eines selbständigen Kurdistans wird dadurch immens gestärkt“, sagt Chefredakteur Salih, für den die Rückeroberung Mossuls durch Regierungstruppen Teil „eines sunnitisch-schiitischen Konflikts“ ist, „der die Kurden nichts angeht“.

          So sieht es auch Arbils Bürgermeister Qoja, der im Biergarten „Deutscher Hof“ nicht mit den im nur eine Autostunde entfernten Mossul verhängten Alkohol- und Rauchverboten der Isis-Terroristen konfrontiert ist. Blendende Aussichten für einen freien Staat am nordöstlichsten Rand der von Staatszerfall erschütterten arabischen Welt.

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