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Aufruhr in Ägypten : Al Dschazira: Mehr als 100 Tote bei Protesten

  • Aktualisiert am

Ein Mannschaftswagen der Polizei in Suez in Flammen Bild: dpa

Bei den schweren Protesten gegen die Regierung sind nach Medienberichten bisher mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen. Trotz neuer Ausgangssperre gehen die Demonstrationen weiter. Tausende versuchten, das Innenministerium zu stürmen.

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          Nach den schweren Unruhen der Nacht gilt in Ägypten eine neue Ausgangssperre - von 16 Uhr (15 Uhr MEZ) bis 8 Uhr (7 Uhr MEZ) am Sonntag. Trotzdem versammelten sich in Kairo an mehreren Plätzen abermals tausende Demonstranten, die ein Ende des Regimes des seit 1981 regierenden Präsidenten Husni Mubarak forderten.

          Dabei kam es auch zu gewalttätigen Ausschreitungen. In Kairo stiegen Rauchsäulen auf. Tausende Demonstranten versuchten, das Innenministerium zu stürmen, wurden aber nach Angaben des Senders Al Dschazira von Polizisten daran gehindert. Die Polizei ging gewaltsam gegen die Demonstranten vor. Nach Angaben von Rettungskräften wurden in der Innenstadt von Kairo am Samstag mindestens drei Menschen erschossen, es gab wieder zahlreiche Verletzte. Seit Beginn der Proteste am Dienstag wurden damit nach Medienberichten etwa 50 Menschen getötet und 2500 verletzt. Der arabische Fernsehsender Al Dschazira spricht gar von mehr als 100 Toten.

          An vielen Straßenkreuzungen und vor Behördengebäuden waren am Morgen gepanzerte Fahrzeuge und Panzer der Armee postiert. Die Polizei, die von wütenden Demonstranten am Freitag teils überrannt worden war, zeigte dagegen nur an wenigen Stellen Präsenz. Demonstranten berichteten, die Soldaten seien weniger aggressiv als die Polizei und hätten sie in der Nacht sogar mit Essen und Tee versorgt. Auf einem Panzer ließen sich Menschen am Samstag mit Soldaten fotografieren.

          Bilder aus dem Staatsfernsehen: Mubarak (re.) ernennt Suleiman zu seinem Stellvertreter

          An den Straßen standen ausgebrannte und zerstörte Wracks von Polizeiwagen, Brandgeruch lag in der Luft. Der öffentliche Nahverkehr in Kairo war am Samstag stark eingeschränkt. Nur wenige Busse verkehrten. Wer nicht unbedingt aus dem Haus musste, blieb lieber daheim. Einige kleinere Geschäfte öffneten, größere Läden in der City blieben zunächst geschlossen. Der Zugang zum Mobilfunknetz wurde teilweise wiederhergestellt. Einen Zugang zum Internet gibt es aber weiterhin nicht. Um den Informationsfluss unter den Demonstranten zu stören, haben die ägyptischen Behörden offenbar den Datenverkehr gestört. Die ägyptische Zentralbank teilte mit, dass Banken und die Börse in Kairo am Sonntag geschlossen bleiben sollten.

          „Mubarak hat nicht eine Forderung erfüllt“

          Trotz Ausgangssperre hatten tausende Ägypter in der Nacht zum Samstag ihre Proteste gegen das Regime des seit 30 Jahren regierenden Präsidenten Mubarak fortgesetzt. Auch die Plünderungen gingen weiter. Randalierer attackierten mehrere Hotels und richteten Zerstörungen an, darunter im bekannten Ramses Hotel. Nach Angaben von Anwohnern stürmten Plünderer an der Ausfallstraße zu den Pyramiden von Gizeh ein Hotel und verwüsteten mehrere nahe gelegene Geschäfte und ein Restaurant.

          Die Demonstranten forderten nach der Rede in der Nacht weiter den Rücktritt des Staatschefs. „Mubarak muss das Land verlassen“, skandierten Regierungsgegner auf dem zentralen Tahrir-Platz in Kairo. In seiner Ansprache in der Nacht auf Samstag sagte Mubarak demokratische und wirtschaftliche Reformen zu. Arbeitslosigkeit, Armut und Korruption würden bekämpft werden. Der Staat werde aber entschieden gegen Gewalt vorgehen. „Gewalt löst nicht unsere Probleme und verwirklicht auch keines der Ziele, die wir anstreben“, sagte der Präsident. „Ich werde nicht davor zurückscheuen, jede Maßnahme zu ergreifen, die die Sicherheit eines jeden Ägypters gewährleistet.“

          Mubarak rechtfertigte das harte Vorgehen der Sicherheitskräfte, die im Laufe des Tages von Soldaten verstärkt wurden. Die Proteste seien „Teil eines größeren Plans, die Stabilität und die Rechtmäßigkeit“ des politischen Systems zu erschüttern. Er habe Anweisung gegeben, den Demonstranten zu erlauben, ihre Meinung auszudrücken. Akte der Gewalt und des Vandalismus hätten die Sicherheitskräfte gezwungen, die Ordnung wiederherzustellen.

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