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Attentat am Atatürk-Flughafen : Das Bild Istanbuls verdunkelt sich

Sicherheitslücken gebe es nicht im, sondern vor dem Flughafen Atatürk in Istanbul. Das hat vor allem praktische Gründe. Bild: AP

Gilt die Türkei noch als ein sicheres Land? Nicht erst seit dem Selbstmordattentat am Flughafen Atatürk leidet der Tourismus unter den vermehrten Anschlägen.

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          Wer von Istanbuls Atatürk-Flughafen abfliegt, braucht vor allem eines: Zeit. Das liegt zum einen daran, dass das Drehkreuz der expandierenden Gesellschaft Turkish Airlines vollkommen überlastet ist. Der „Atatürk Havalimani“ im europäischem Teil Istanbuls hat nach stürmischem Wachstum im vergangenen Jahr Frankfurt als drittgrößten Flughafen Europas nach London und Paris abgelöst.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Bis der im Bau befindliche neue Flughafen die Metropole am Bosporus endgültig zur Nummer eins im europäischen Passagierverkehr machen soll, wird es in San Stefano, wie dieser geschichtsträchtige Vorort Istanbuls einst hieß, weiterhin zugehen wie in einem Ameisenhügel. Der andere Grund, der Reisen über den Atatürk-Flughafen zeitaufwendig macht, sind die hohen Sicherheitsvorkehrungen. Sie verlangsamen vor allem die Abreise aus Istanbul.

          Anders als es in Europa (noch) üblich ist, kann niemand die Terminals des Istanbuler Flughafens betreten, ohne vorher kontrolliert worden zu sein. Eine erste Kontrolle, die an den meisten Tagen allerdings nur formaler Art ist, findet an der Zufahrtsstraße etwa 500 Meter vor den Abfertigungsgebäuden statt. Hier stehen Polizisten, meist mit Maschinengewehren bewaffnet, und winken stichprobenartig Taxis oder Privatfahrzeuge zur Kontrolle heraus.

          Aufwändige Sicherheitskontrollen sind keine Seltenheit

          Dass an normalen Tagen 99 von 100 Fahrzeugen unbehelligt bis vor die Abflughallen fahren dürfen, hat praktische Gründe: Wollten die Sicherheitskräfte alle Fahrer oder gar sämtliches Gepäck kontrollieren, brächen der Autoverkehr vor dem und der Passagierverkehr im Terminal binnen kürzester Zeit zusammen.

          Strenger geht es beim Zutritt zum eigentlichen Flughafengebäude zu: Hier muss jeder eine Sicherheitskontrolle passieren, wie sie in Europa nur für Passagiere und Gepäck vor dem Betreten des Abflugbereichs üblich ist. Reisende, die dafür nicht genügend Zeit einkalkuliert haben und deshalb ihre Flieger verpassen, sind keine Seltenheit in Istanbul.

          Viele Geschäftsleute, die regelmäßig über den Atatürk-Flughafen abreisen oder dort ankommen, kaufen sich deshalb für eine Jahresgebühr von umgerechnet etwa 300 Euro einen Pass, der ihnen zwar nicht die Kontrollen erspart, jedoch bei der ersten und zweiten Sicherheitsschleuse sowie bei der Passkontrolle die Benutzung von „Express-Spuren“ erlaubt. Das kann pro Abflug gut eine Stunde Zeit sparen.

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          Terror : Anschläge in der Türkei

          Die Türken ertragen die Kontrollen ohne Murren, denn sie sind daran gewöhnt. Die Türkei lebt seit Jahren, ja Jahrzehnten mit Terroranschlägen: kurdischen, linksradikalen und nun vermehrt auch islamistischen. Die großen Istanbuler Einkaufszentren dürfen ohne eine Sicherheitskontrolle, wie sie an Flughäfen üblich ist, schon seit Jahren nicht mehr betreten werden.

          Auch an vielen Istanbuler Metrostationen, etwa jener am Taksim-Platz, bewachen Polizisten den Zugang, müssen Kontrollschleusen passiert werden. Doch die Präsenz der Polizisten ist vor allem symbolischer Natur. Dass ein Selbstmordattentäter an diesen äußeren Kontrollschleusen viele Menschen mit in den Tod reißen kann, lässt sich nicht verhindern. Sicher ist nicht todsicher.

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          Zeitpunkt des Anschlags womöglich kein Zufall

          Die Augenzeugenberichte vom Atatürk-Flughafen bestätigen, dass es so offenbar auch bei dem jüngsten Anschlag gewesen ist: Während sich im Flughafengebäude selbst, anders als es etwa an deutschen Flughäfen leicht möglich wäre, Unbefugte nicht mit einer Waffe aufhalten können, sind Angriffe und Attentate an den äußeren Schleusen nicht zu vermeiden.

          Der türkische Regierungschef Binali Yildirim sagte, die Attentäter seien mit dem Taxi an den Ort ihrer Bluttat vorgefahren. Das kann niemand verhindern. Der Ministerpräsident hat also Recht, wenn er sagt, dass es keine Sicherheitslücken am Flughafen gebe – zumal der türkische Staat gewiss noch andere, dem Laien unsichtbare Maßnahmen ergreift, um die Sicherheit dort zu gewährleisten.

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