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Atom-Abkommen mit Iran : Ein bisschen Frieden?

Ausgelassen feierten vor allem junge Leute in der Nacht nach der Einigung auf den Straßen Teherans. Bild: dpa

Die Gegner eines Atom-Abkommens mit Iran werden in den nächsten Monaten alles tun, um den endgültigen Vertragsabschluss zu verhindern. Denn sie haben kein Interesse an einem Ende der Sanktionen und einem Wiedererstarken des Landes.

          Wie die Geschichte in der Krisenregion Naher Osten weitergeht, hängt davon ab, ob das Atomabkommen mit Iran zustande kommt oder nicht. Denn das ist ja noch nicht klar. Zwar sind die Verhandlungen in Lausanne zu einem guten Ende gekommen. Das allein ist aber noch keine Überraschung – trotz der Härte und Abgebrühtheit, mit der Irans Außenminister Zarif auftrat; zeitweilig schienen die Verhandlungen kurz vor dem Platzen zu stehen. Doch Teheran und Washington hatten sie vertraulich vorbereitet, und letzten Endes setzte sich der gemeinsame Wille durch. Benjamin Netanjahu wusste das. Deshalb sein Auftritt im amerikanischen Kongress schon vor Wochen: Das war nicht nur ein israelischer Wahlkampf auf amerikanischem Boden, sondern auch eine Ansage. Israel wird alles mögliche unternehmen, um zu verhindern, dass das Atomabkommen wirklich in Kraft tritt.

          Das hat eher geostrategische als im engeren Sinne sicherheitspolitische Gründe. Dann natürlich bietet das Abkommen höhere Sicherheit gegenüber iranischen atomaren Ambitionen als der jetzige Zustand. Die Gefahr einer iranischen Atombombe würde erheblich vermindert. Und ein präventiver Militärschlag gegen Iran, wie er in Israel immer wieder zur Sprache gebracht wird, wäre, um es zurückhaltend zu formulieren, nicht wirklich geeignet, die Sicherheit und Stabilität im Nahen Osten zu erhöhen.

          Aber darum geht es in erster Linie eben nicht. Nein, die israelischen Befürchtungen gelten hauptsächlich dem politischen Gewicht, das Iran in den letzten Jahrzehnten erobert hat. Durch das Abkommen wird es weiter wachsen, und Netanjahu befürchtet, dass Teheran zur Vormacht in der Region werden könnte. Auf diesem Wege ist es schon weit gekommen, begünstigt durch eine aggressive, aber auch schlaue Außenpolitik, und durch den Zerfall der staatlichen Ordnung im Nahen Osten. Alles begann in den siebziger Jahren: nicht nur mit der Ablösung des Schah-Regimes durch einen islamistischen Gottesstaat 1979, sondern auch mit der Integration terroristischer Konfliktstrategien.

          Auch Iran will keine Ausbreitung des IS

          Das ist nun freilich kein iranisches Alleinstellungsmerkmal. Der Dschihadismus, also jene Verbindung von Islamismus und Terror, hat Wurzeln ebenso im sunnitisch geprägten Saudi-Arabien. Nachdem die „Koalition der Willigen“ 2003 im Irak die Bleiplatte gesprengt hat, die den innermuslimischen Religionskonflikt zwischen Schiiten und Sunniten noch unterdrückt hatte, herrscht heute zwischen beiden Gruppen weithin offener Krieg. Iran und Saudi-Arabien sind heute die wichtigsten islamischen Staaten der Region, die noch funktionieren. Der eine war einst Verbündeter der Vereinigten Staaten, der andere ist es noch. Die Unterschiede zwischen diesen beiden Ländern kann man sich aber größer kaum denken.

          Es ändert deshalb die Lage tatsächlich bedeutsam, wenn nun – durch das Atomabkommen – Iran aus seiner jahrzehntelangen Isolation heraustritt und wieder, wie früher, Fäden und Verbindungen zum Westen knüpft. Das könnte, wenn man die kühnste Hoffnung formulieren will, immerhin helfen, den Bann der Siebziger zu brechen.

          Es kann nichts Schlechtes sein, dass hier wieder gemeinsame Interessen sichtbar werden und Frontstellungen sich lockern. Denn damit ist die große Chance verbunden, dass sich Iran aus den Vorstellungen eines Gottesstaates löst und zu einer zivilisierteren Politik findet, für die es in der reichen Tradition dieses Landes an Vorbildern nicht fehlt. Jedenfalls hat Iran wie der Westen ganz gewiss kein Interesse am Ausgreifen jener „Verwaltung der Barbarei“, die der ehemalige Al-Qaida-Theoretiker Abu Bakr Naji ausgeheckt und die der IS zum mörderischen Programm erhoben hat.

          Doch noch ist nichts entschieden: Außen- und Innenpolitik mischen sich in dieser Angelegenheit allenthalben; die Gegner des Abkommens werden in den nächsten Monaten alles Erdenkliche tun, um es noch zu verhindern.

          Volker Zastrow

          Verantwortlicher Redakteur für Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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