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Armeechef Sisi : Ägyptens neuer starker Mann

Für beide Religionen: Militärchef Sisi auf einem Plakat in Kairo Bild: REUTERS

Als der ägyptische Armeechef Sisi Präsident Mursi absetzte, wurde schnell klar, dass der General auch politisch führen will. Sisi strebt die Präsidentschaft an. Sein Vorbild ist Oberst Nasser.

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          In Ägypten wurden die Uhren neu gestellt. Der 3. Juli ist das Datum, an dem sich das Land orientiert - und das es gleichzeitig spaltet. Die einen wollen die Welt vor dem 3. Juli wiederherstellen und damit die Präsidentschaft des Muslimbruders Muhammad Mursi. Die anderen wollen ein neues Ägypten, das sich an einer anderen Vergangenheit ausrichtet. Ihr starker Mann ist der Armeechef Abd al Fattah al Sisi, der an jenem 3. Juli Mursi abgesetzt hat. Um Sisi hat ein Personenkult eingesetzt. Bei den Kundgebungen für ihn fehlen aber auch nicht Fotos von Gamal Abdell Nasser, dem einzigen panarabischen Führer im 20. Jahrhundert.

          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Immer mehr zeichnet sich ab, dass Sisi der Mann sein wird, der Ägypten auf absehbare Zeit führen wird. Er dementiert nicht mehr die gut gestreuten Gerüchte, dass er bei der Präsidentenwahl, die in etwa neun Monaten stattfinden soll, kandidieren werde. Als Präsident würde er die Uniform des Generals gegen zivile Kleidung eintauschen, und er würde eine Tradition fortsetzen, die 1954, zwei Jahre nach dem Sturz der Monarchie, Nasser begonnen hatte. Auf Nasser folgten Anwar al Sadat und Husni Mubarak. Damit standen, Muhammad Ali Naguib von 1952 bis 1954 eingeschlossen, nach dem Sturz der Monarchie bis zu Mubaraks Sturz nur Generäle an der Spitze Ägyptens.

          Ungebrochene Nostalgie für Nasser

          Nasser war der Held der arabischen Straße. Nie mehr seit seinem frühen Tod 1970 hatte die arabische Welt einen begnadeten und charismatischen Redner wie ihn gefeiert, nie mehr hatte sie einen Visionär wie den Mitbegründer der Blockfreienbewegung. In vielem scheiterte er zwar: Sein arabischer Sozialismus strangulierte eine funktionierende ägyptische Wirtschaft. Immerhin reduzierte sie eine skandalöse Ungleichheit in der Einkommens- und Vermögensverteilung; sein arabischer Nationalismus definierte sich zu stark über das Feindbild Israel. Nach der verheerenden Niederlage im Sechstagekrieg von 1967 gegen Israel hatten die säkularen arabischen Regime viel von ihrer Glaubwürdigkeit verspielt; der Aufstieg des politischen Islams setzte ein, befeuert durch die Revolution in Iran von 1979. Nasser erlebte das nicht mehr. Entkräftet starb er 1970, erst 62 Jahre alt. Im Konflikt zwischen Säkularen, die meist mit Militärregimen assoziiert worden sind, und Islamisten, liegen seither Letztere im Vorteil.

          Die Nostalgie für Nasser ist in Ägypten und vielen arabischen Ländern, trotz seines Scheiterns in vielen Bereichen, ungebrochen. Immer gab es in Ägypten Nasseristen; ihnen fehlt aber eine Galionsfigur. Für den gegenwärtigen Führer der Nasseristen, Hamdeen Sabahi, stimmten bei der Präsidentenwahl vom Juni 2012 immerhin 20 Prozent, so dass er nach Mursi und Ahmad Schafiq den dritten Platz belegte. Sabahi erklärt Sisis neue Popularität damit, dass Sisi - wie einst Nasser - eine Armee führe, die den „Willen des Volkes“ umsetze.

          Noch immer protestieren die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi in Kairo Bilderstrecke
          Noch immer protestieren die Anhänger des gestürzten Präsidenten Mursi in Kairo :

          In nur wenigen Wochen hat Sisi einen kometenhaften Aufstieg erlebt. Bis zum Putsch vom 3. Juli hatte er sich kaum in der Öffentlichkeit gezeigt. In seinem Glückwunschtelegramm an Mursi hatte er zu dessen Amtseinführung am 30. Juni 2012 diesem sogar noch die „absolute Loyalität der Armee“ versichert. Darauf folgte der Zusatz, die Armee sei ja „der Wächter der patriotischen Verantwortung“.

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