https://www.faz.net/-gq5-13h

Arabische Welt : „Wie Europa im 19. Jahrhundert – nur schneller“

  • Aktualisiert am

Ein Ägypter schläft auf dem Tahrir-Platz in Kairo, nachdem er gegen die Langsamkeit des Wandels in seinem Land demonstrierte. Bild: dapd

Im Interview spricht Gamad Abdalgawad Soltan, Direktor der Denkfabrik des Ahram-Zentrums für politische und strategische Studien in Kairo, über die Zukunft der arabischen Welt und die Rolle, die der Westen dabei innehat.

          4 Min.

          Herr Soltan, in Ägypten liegt die Macht bei der Armee, in Libyen tobt ein Bürgerkrieg, der Jemen zerfällt, in Syrien richtet das Regime ein Blutbad an. Ist die Wirklichkeit in der arabischen Welt nicht viel düsterer als nach den Umstürzen der vergangenen Monate erhofft?

          Aber das alte Stereotyp der arabischen Diktaturen und autoritären Regime ist erschüttert worden. In den nächsten Jahren werden sich drei Gruppen von Staaten herausbilden. Tunesien und Ägypten werden sich zwar nicht unbedingt in eine volle Demokratie entwickeln, aber sie haben eine gute Chance, zu Ländern mit guter Regierungsführung, mit Rechenschaftspflicht und Transparenz zu werden. In einer zweiten Gruppe leiten Regierungen und Machthaber von oben Reformen ein, um die Unterstützung der Massen und der Mittelklasse zu gewinnen und ihre erneuerten und geöffneten Regime zu konsolidieren. Ein Beispiel ist Marokko, Jordanien könnte ein Fall sein, einige der Golfstaaten könnten dazugehören. Zur dritten Gruppe gehören Länder, in denen die Machthaber zu einem großen Teil delegitimiert sind. Dort werden die Konflikte noch länger andauern – mit Bürgerkriegen wie in Libyen und im Jemen. Syrien bewegt sich in diese Richtung.

          Wie wird die arabische Welt in fünf oder zehn Jahren aussehen?

          Das Europa zur Mitte des 19. Jahrhunderts ist die historische Analogie. In Europa wurden damals erstmals Massen politisiert und zu Akteuren der Politik, was eine große Transformation einleitete. Das ereignet sich nun in der arabischen Welt. Mit den modernen Technologien sind die Möglichkeiten der Mobilisierung heute größer und effizienter. Daher geschehen im 21. Jahrhundert die Dinge schneller als im 19. Jahrhundert, und daher wird die Transformation nicht so lange dauern wie damals in Europa.

          Gamad Soltan: „Die Transformation wird nicht so lange dauern wie damals in Europa.”

          Und was verändert sich?

          In der Vergangenheit sind die arabischen Länder nach den Visionen der herrschenden Eliten entwickelt worden. Heute schaffen die Massen diese Vision. Man kann nicht länger die Forderungen der Menschen für die Gesellschaft ignorieren, in der sie leben wollen. Das ähnelt dem Europa des 19. Jahrhunderts, als der Nationalismus Millionen mobilisiert hatte. Werden solche Massen in die Politik eingebunden, stellt sich die Frage nach der Identität. Es wäre daher falsch, die Ordnung einer Gesellschaft allein in den Rahmen des typischen westlichen liberalen Modells zu stellen. Die Menschen bringen ihre Identitäten in die Politik mit. Aus ihren Identitäten leiten sie ihre Forderungen ab.

          Die arabische Demokratie wird also anders sein als die westliche?

          Mehrere Faktoren formen die neuen politischen Realitäten. Der Islam als Teil der Identität wird künftig mehr zur Gestaltung des öffentlichen Raums beitragen – als Folge der immer wichtigeren Rolle der Massen, die von islamischen Werten und der Kultur durchdrungen sind. Auch in Ländern mit einer tiefgehenden Modernisierung, etwa Tunesien, wird es schwieriger werden, islamische Werte herauszufordern. Viele der Errungenschaften des vergangenen halben Jahrhunderts können aber beibehalten werden. In Gesellschaften, in die Modernisierung nicht so tief vorgedrungen ist, werden wir eine stärkere Islamisierung des öffentlichen Lebens sehen, etwa in der Gesetzgebung, im Erlauben und Verbieten bestimmter Praktiken, im öffentlichen Diskurs.

          Die alten Eliten sind erfahren im Spiel der Macht, die jugendlichen Aktivisten sind als Idealisten oft naiv. Haben sie jetzt ausgedient?

          Je mehr sich die Gesellschaften, die heute noch in Aufruhr sind, auf eine neue Stabilität hin bewegen, desto weniger Macht hat die unschuldige, enthusiastische, aber unerfahrene Jugend. Für das alltägliche politische Geschäft eignen sich die traditionellen Eliten mit mehr Erfahrung besser – bis die revolutionäre Jugend entsprechende Taktiken und Fähigkeiten beherrscht und auch bei Wahlen bestehen kann.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.