https://www.faz.net/-gq5-y5f1
 

Arabische Welt : Hoffnung und Befürchtungen

  • -Aktualisiert am

Demonstranten beten am Dienstag auf dem Tahrir-Platz in Kairo Bild: dpa

Amerika und Europa beobachten die Entwicklungen in der arabischen Welt mit Sympathie - aber auch mit Sorge. Denn eine wichtige Region könnte ins Chaos gestürzt werden; Extremisten die Macht übernehmen. Dafür steht das Beispiel Irans: Die Folgen beschäftigen die Weltpolitik bis heute.

          Seit Jahren hat sich in der arabischen Welt eine Spannung zwischen einer jungen, dynamischen Gesellschaft und vergreisten, in Korruption erstarrten autokratischen Führern aufgebaut – und nun hat sie sich in Tunesien und Ägypten als revolutionärer Aufbruch entladen. Der schnelle Sieg über den tunesischen Diktator Ben Ali ist zwar keine Blaupause für die Entwicklung in Ägypten; dagegen spricht schon die völlig andere Bedeutung des Militärs. Aber die Unruhe breitet sich in der ganzen Region aus, von Jordanien bis hinunter zur Südspitze der Arabischen Halbinsel, in den Jemen. Schon ist die Rede von einem Domino-Effekt, der die Staaten des Maghreb und andere arabische Kernländer erfassen könnte.

          Amerika und Europa beobachten diese Entwicklung mit einer Mischung aus Sympathie und Sorge: Sympathie, weil die Demonstranten in Tunis, in Kairo und anderswo für sich Rechte und für ihr Land Reformen fordern, die den fundamentalen Werten westlicher Demokratie entsprechen. Das ist ein Zeichen der Hoffnung. Es gibt aber auch die Sorge, dass die revolutionäre Eigendynamik über diese Ziele hinausschießt, dass eine wichtige Region in lang anhaltende Wirren gestürzt wird und am Ende Extremisten die Macht übernehmen. Dafür steht das Beispiel Irans, in dem nach dem Sturz des Schahs eine Phase gemäßigter Regierungen nur das Vorspiel zur radikal-islamischen Revolution Khomeinis war – die Folgen beschäftigen die Weltpolitik bis heute.

          Der Maghreb und der Nahe Osten sind mit Iran zwar nicht direkt zu vergleichen. Dennoch weiß niemand, ob die Erschütterungen nicht auch dort den Islamisten in die Hände spielen: Sie fordern die Autokraten und Kleptokraten der Region seit langem heraus, sie sind am besten organisiert und in der Gesellschaft vernetzt und sie vertreten eine Ideologie, die in den kulturellen und religiösen Traditionen ihrer Länder wurzelt – in einer Spannweite, die vom Vorbild der türkischen AKP bis zum Ziel eines islamischen Gottesstaates oder dem Mittel des dschihadistischen Terrors reicht.

          Was immer am Ende der revolutionären Aufwallungen je nach Land stehen wird – der Nahe und der Mittlere Osten werden künftig nicht mehr so sein wie bisher. Am augenfälligsten wird dies, wenn man den Kernkonflikt der Region ins Auge fasst, den Streit um Land zwischen Israel und den Palästinensern. Ein ehemaliger israelischer Botschafter in Kairo hat behauptet, außer Mubarak und seiner Entourage gebe es in Ägypten kaum Anhänger des 1977 geschlossenen „kalten Friedens“ mit Israel. Das mag übertrieben sein. Doch es ist jedenfalls schwer vorstellbar, dass eine ägyptische Regierung nach Mubarak für Israel so verlässlich als Vermittlungs- und Verhandlungspartner auftreten würde wie bisher.

          Ägypten wird versuchen, die Vorteile des „kalten Friedens“ zu bewahren

          Auch eine moderate Führung in Kairo müsste auf die israelfeindliche Stimmung der „arabischen Straße“ Rücksicht nehmen. Das muss nicht gleich zum Krieg führen . Aus vernünftigem Eigeninteresse wird Ägypten versuchen, die Vorteile aus dem „kalten Frieden“ mit Israel zu bewahren, vor allem die davon abgeleitete materielle und politische Unterstützung durch den Westen. Doch eine ungebrochene Parteinahme für Israel und eine weitere Isolierung von „Hamastan“ im Gazastreifen würde jede Regierung in Kairo bald unpopulär machen. Damit würde es noch schwieriger, ins Werk zu setzen, was unumgänglich ist: innere Reformen.

          Denn klar ist, dass die Unruhen hauptsächlich innenpolitische Gründe haben: Das ist vor allem der Mangel an Freiheit und an Aufstiegsmöglichkeiten für die Jugend, der eine kleine Oberschicht ihren obszönen Reichtum vorführt. Doch Verbesserungen brauchen Zeit, und es gehört zum erprobten Arsenal demagogischer Ablenkung, nationale Gefühle hochzupeitschen und gegen die vermeintlichen äußeren Feinde zu lenken. Wenn sich dies noch mit religiösem Furor auflädt, wird der Westen Schwierigkeiten bekommen, jene Regime der arabischen Welt bei der Stange zu halten, die ihm bisher freundlich verbunden sind. Damit aber käme, was immer man von diesen Regimen halten mag, ein zentrales geopolitisches Kalkül ins Wanken – das Stichwort heißt Energieversorgung.

          Keine offiziellen Kommentare aus Iran

          Es gehört zu den bemerkenswerten Erscheinungen der vergangenen Wochen, dass aus Iran keine offiziellen Kommentare über diese Ereignisse an die Öffentlichkeit gedrungen sind. Das mag Ausdruck stiller Selbstzufriedenheit sein. In den Machtkämpfen der libanesischen Innenpolitik hat die schiitische Hizbullah, ein Klient Teherans, an Boden gewonnen. Syrien, der engste Verbündete Irans in der arabischen Welt, scheint so stabil zu sein, dass Präsident Assad sich sogar ein zynisches Lob des Aufstandes in Ägypten leisten kann. Stürzte Mubarak, bräche eine wichtige Stütze der kompromissbereiten Palästinenserführung im Westjordanland weg. Was das für Israel bedeutet, zeigt das fast verzweifelt-anachronistisch wirkende Plädoyer seiner Regierung für Mubaraks politisches Überleben.

          Amerika und Europa haben wenig Möglichkeiten, den Gang der Ereignisse zu beeinflussen, sie üben sich in diplomatischen Verlegenheitsfloskeln. Noch ist vieles offen in der arabischen Welt: Solange halten sich Hoffnungen und Befürchtungen die Waage.

          Amerika und Europa
          können den Gang der
          Ereignisse kaum
          beeinflussen.

          Topmeldungen

          Spaniens amtierender Ministerpräsident Pedro Sanchez nach dem Treffen mit König Felipe

          Regierungsbildung gescheitert : Stillstand in Spanien

          Pedro Sánchez hat keine Mehrheit im Parlament. Zum zweiten Mal in diesem Jahr wird im November ein neues Parlament gewählt. Doch die politische Blockade könnte andauern.
          Demnächst möglicherweise seltener zu sehen: „Zu vermieten“-Schild an einem Haus in Berlin-Schöneberg.

          F.A.Z. exklusiv : Mietendeckel schadet den Mietern

          Der Mietendeckel in Berlin soll das Wohnen bezahlbar halten. Doch die Studie eines renommierten Forschungsinstituts zeigt jetzt: Tatsächlich könnte er genau das Gegenteil bewirken.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.