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Arabische Welt : Eine verlorene Generation

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Keine Ideologie treibt die Jugend Tunesiens, Ägyptens und vielleicht bald weiterer Länder auf die Straßen Bild: F.A.Z. Helumt Fricke

In der arabischen Welt erhebt sich eine verlorene Generation. Nirgendwo in der Welt ist unter den Jugendlichen die Arbeitslosigkeit höher. Und auch wer Arbeit hat, wird schlecht bezahlt, lebt meist ohne soziale Absicherung und ohne Perspektive. Eine Analyse von Rainer Hermann.

          In der arabischen Welt erhebt sich eine verlorene Generation. Nirgendwo in der Welt ist unter den Jugendlichen die Arbeitslosigkeit höher. Und auch wer Arbeit hat, wird schlecht bezahlt, lebt meist ohne soziale Absicherung und ohne Perspektive.

          Selbst jeder dritte Beschäftigte muss in Nordafrika von weniger als 2 Dollar am Tag leben und fällt damit unter die Armutsgrenze. Die verlorene Generation zahlt den Preis einer falschen Politik des letzten halben Jahrhunderts.

          Wie in anderen Entwicklungsländern wachsen auch in der arabischen Welt die Bevölkerungen rasch und sind die anschwellenden Menschenmassen besser ausgebildet als früher. In Asien und Südamerika aber wachsen die Volkswirtschaften schneller als die Zahl ihrer Einwohner, so dass die Absolventen der Schulen und Universitäten Arbeit finden. Zudem ermöglicht das beeindruckende Wachstum der Produktivität höhere Löhne und einen steigenden Lebensstandard.

          Die Militärs blicken mit Verachtung auf das profane Wirtschaften

          In der arabischen Welt ist beides nicht der Fall, und das hat Gründe. So denken die Militärs, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg an die Macht putschten, in Kategorien der Sicherheit und blicken mit Verachtung auf das profane Wirtschaften. Das hielt sie nicht davon ab, sich Privilegien, Pfründe und Monopole zu sichern. Das ägyptische Militär, das den Staatspräsidenten seit 1952 stellt, war so klug, die Stabilität des Regimes zu festigen, indem es eine loyale privatwirtschaftliche Elite heranbildete und kooptierte. Ihr Erfolg hing vom Regime ab, und so forderte sie es nicht heraus. Der tunesische Machthaber Zain al Abidin Ben Ali hatte das nicht getan und wurde daher rasch hinweggefegt.

          Arabiens Staaten leben von wirtschaftlichen Renten. Im Fall Ägyptens sind es die Einnahmen aus dem Suezkanal, dem Tourismus und Ölexport sowie die Gastarbeiterüberweisungen aus den Golfstaaten und die amerikanische Militärhilfe von 2 Milliarden Dollar im Jahr, die besser in den Ausbau der herunter gekommenen Infrastruktur gesteckt worden wäre. Das Polster dient der Sicherung von Loyalitäten, verteidigt Macht und Pfründe und hilft, Reformen zur Einführung des Wettbewerbs und der Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit aufzuschieben. Als eine Folge exportieren sogar die Philippinen mehr industrielle Güter als die gesamte arabische Welt, als weitere Folge sind zu wenige Arbeitsplätze entstanden und ist die Produktivität erschreckend gering.

          Ein Protest ohne Ideologie

          Zu lange glaubten die Regime, allein mit einer oberflächlichen Modernisierung Zukunftsperspektiven zu schaffen. Nun erkennt der ägyptische Staatspräsident Hosni Mubarak mit der Ernennung des Geheimdienstchefs zu seinem Stellvertreter und einem früheren Luftwaffenchef zum neuen Ministerpräsidenten die Zeichen der Zeit wieder nicht und fällt in alte Reflexe zurück. Die erdrückend großen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme der arabischen Welt sind nicht mit mehr Sicherheit zu bewältigen, sondern allein mit mehr Freiheiten, mit gerechteren Chancen für alle und der Perspektive auf ein besseres Leben.

          Keine Ideologie treibt die Jugend Tunesiens, Ägyptens und vielleicht bald weiterer Länder auf die Straßen. Bewusst ist ihnen aber der Zusammenhang zwischen Wohlstand und Freiheit. Kein Zufall war es, dass sich die Protestbewegung Ägyptens aus Streiks unterbezahlter Arbeiter entwickelt hat. Als die Preise für Lebensmittel jedes Jahr um 20 Prozent stiegen, schwollen die Streiks an. Die Welle hatte vor fünf Jahren in den Provinzen eingesetzt und mündete in den Protest, der in den Straßen Kairos einen Neubeginn fordert.

          Die Jugend fühlt sich um ihre Zukunft betrogen

          Die Geschichte wiederholt sich, nur mit anderem Vorzeichen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten Jugendliche, denen die damaligen Eliten den Aufstieg verwehrten, ihre Chance in einer militärischen Karriere gesehen. Mit den Putschen setzten sie sich an die Stelle der alten Eliten. Heute fühlt sich die Jugend wieder ausgeschlossen und um ihre Zukunft betrogen. Ausgelöst wurden ihre Proteste durch wirtschaftliche Klagen. Doch allein auf Brotunruhen lassen sie sich nicht reduzieren. Ein Thema ist auch die Qualität der Regierungsführung. Vom Staat, dessen Regierung und Justiz fordern die Demonstranten Transparenz und Rechenschaft, also ein Ende von Korruption und Patronage. Dass die Proteste nicht auf die arabischen Golfstaaten übergreifen, hat zwei Gründe: Sie haben mit ihren Petrodollar ausreichend Mittel, um sich die Gunst der Jugend zu erkaufen, und mit Dubai an der Spitze sind sie zu einem Modell guter Regierungsführung mit funktionierender Bürokratie geworden.

          Für die ausländischen Investoren muss die Entwicklung in Tunesien und Ägypten nichts Schlechtes verheißen. Kein arabisches Land gehört zum BRIC-Kreis (Brasilien, Russland, Indien, China) der dynamisch wachsenden Schwellenländer. Mit ihren trägen Staatsapparaten, exklusiven Eliten und nicht nach modernen Bedürfnissen ausgebildeten Jugendlichen bringen sie nicht die Voraussetzungen für dynamisches Wachstum mit. Eine Tür hat sich geöffnet, um dies zu ändern. Sollte die Chance genutzt werden, muss die nächste Generation Arabiens keine verlorene mehr sein.

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