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Arabische Welt : Ein langer Frühling

Kurz vor dem Einsturz: Syrien zerfällt Bild: REUTERS

Hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg entsteht in der Levante eine neue Ordnung. Drei der vier historisch bedeutsamen Akteure der arabischen Welt sind außer Gefecht.

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          Nicht wenige wünschen sich im Nahen Osten die alte, angeblich „stabile“ Ordnung zurück. Deren Herrscher waren autoritär, aber berechenbar. Heute dagegen ist die Lage in jedem Fall instabil, und was kommt, ist schwer vorherzusagen. „Schuld“ daran sind nicht die Erhebungen, sondern die Regime, die über Jahrzehnte Stabilität verkündet und Stagnation praktiziert hatten. Die Eruptionen sind umso heftiger, je länger schon der Stillstand in diesen Ländern währt, und so dauern die arabischen Revolutionen eben länger als nur einen kurzen Frühling. In dem langen Transformationsprozess schwinden dabei altbekannte Gewissheiten. Die Gesellschaften verändern sich, sie werden freier: Knapp hundert Jahre nach dem Ersten Weltkrieg entsteht eine neue staatliche Ordnung in der Region.

          Im Juni wollen die Vereinigten Staaten und Russland, ergänzt um die Bürgerkriegsparteien, in einer internationalen Konferenz über die Zukunft Syriens beraten. Selbst wenn die „Genf II“ genannte Konferenz das Land nicht befrieden wird, so ist sie nötig. Denn groß ist die Gefahr, dass der Krieg nicht mehr auf Syrien beschränkt bleibt. Schon jetzt greift er auf die Nachbarländer über. Ohne ein koordiniertes Vorgehen der Staatengemeinschaft wird sich die Region bald nicht mehr nur einem Bürgerkrieg in Syrien gegenübersehen, sondern einem Flächenbrand, der aus mehreren Bürgerkriegen besteht und der kaum mehr zu löschen wäre.

          Für Syrien selbst haben seine Staatsgrenzen kaum mehr Bedeutung; starke zentrifugale Kräfte machen sie zunehmend irrelevant. Jede Region richtet sich zunehmend auf die Region eines Nachbarstaats aus: Aleppo orientiert sich wirtschaftlich auf die türkische Stadt Gaziantep hin; Kämpfer der libanesischen Hizbullah stehen am Mittelmeer auf beiden Seiten der Grenze; im Osten Syriens werden um die Stadt Deir al Zor die Bindungen an die ebenfalls sunnitische Provinz Anbar enger. Sollte Syrien zerfallen, bliebe ein Kern übrig, in dem sich Sunniten und Alawiten einen erbitterten blutigen Krieg lieferten.

          Um das zu verhindern und zumindest das Gebilde namens „Syrien“ zu erhalten, arbeiten syrische Intellektuelle am Plan einer Konföderation. Die schwache Klammer eines Zentralstaats würde ihre weitgehend autonomen Einheiten, wie in den Vereinigten Arabischen Emiraten, zusammenhalten. Über die Zeit könnte das Misstrauen zwischen den ethnischen und konfessionellen Gruppen abgebaut werden. Eine solche Lösung zöge Lehren aus dem Scheitern des von den Vereinigten Staaten 2003 so gewollten irakischen Zentralstaats, mit dessen Instrumenten die schiitische Mehrheit seither die sunnitische Minderheit an den Rand drückt.

          Russland auf die diplomatische Weltbühne zurückgekehrt

          Die Zukunft des Iraks ist angesichts der zentrifugalen Kräfte bei Sunniten und Kurden ungewiss, und Syrien zerfällt bereits. Damit beginnen sich die von Großbritannien und Frankreich 1916 in der Levante gezogenen Grenzen aufzulösen. Die multiethnischen Staaten werden in kleinere Einheiten übergehen, deren Größe und Zusammensetzung sich abzeichnen. Mit den Grenzen werden sich auch Politik und Selbstverständnis der neuen Entitäten verändern. Zu Ende geht in der Levante auch die Zeit der alten Ideologien, wie die des arabischen Sozialismus.

          Russland hat den syrischen Bürgerkrieg dazu genutzt, auf die diplomatische Weltbühne zurückzukehren. Mit seinem Festhalten an Assad will Präsident Putin nicht zuletzt den zentralasiatischen Herrschern signalisieren, dass auch dort alles beim Alten bleiben könne. Während Russland zurückkehrt, nimmt der amerikanische Präsident Obama das Engagement der Vereinigten Staaten im Nahen und Mittleren Osten zurück. Hinzu kommt, dass die Europäer mit sich selbst beschäftigt sind; ihre Instrumente einer „soft power“ können überdies nur mittelfristig wirken. Und: Drei der vier historisch bedeutsamen Akteure der arabischen Welt - Ägypten, der Irak, Syrien - sind außer Gefecht.

          Somit bauen neue Akteure in der Region ihren Einfluss aus. Neu ist das Engagement der arabischen Golfstaaten nicht. Qatar hat sich im vergangenen Jahrzehnt nach vorne gespielt, Doha gefällt sich heute als die diplomatische Hauptstadt der arabischen Welt. In den vergangenen Wochen hat jedoch im Syrien-Dossier zunehmend Saudi-Arabien das Heft in die Hand genommen in der Absicht, die ungeliebten Muslimbrüder in die Schranken zu verweisen.

          Als wichtigster externer Akteur tritt in der Levante die Türkei auf. Ankara scheint die Gefahren eines Übergreifens des Kriegs jedoch zu erkennen. Allem Anschein nach mäßigt es seine Rhetorik und könnte bereits mit dem Aufbau einer kurdischen Pufferzone zum Schutz seines Territoriums beschäftigt sein. Andererseits gibt Israel zu verstehen, nicht länger tatenlos dabei zuzusehen, was in Syrien geschieht. Israel handelt, wenn seine „roten Linien“ überschritten werden.

          Frühere Akteure halten sich also zurück, neue drängen nach vorne. Um den Kollaps des nachosmanischen 20. Jahrhunderts in der Levante aufzufangen, braucht es aber mehr als die Kurzgeschichte eines Frühlings.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

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