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Arabische Welt : Das Brot des Geistes

  • -Aktualisiert am

Halt den Mund: Dieser Demonstrant in Kairo zeigt seine Botschaft deutlich Bild: REUTERS

Aufruhr, Unruhe, Umbruch, Revolution: Was geschieht zur Zeit in der arabischen Welt? Viele Regierungschefs wissen nicht so recht, an wen sie sich wenden sollen.

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          „Versiegelte Zeit“ nannte Dan Diner sein vor fünf Jahren erschienenes Buch, in dem er den Stillstand in der islamischen Welt analysierte. Das theozentrische Weltbild der Scharia, des unveränderlichen religiösen Gesetzes, von den Muslimen in vielen Jahrhunderten verinnerlicht, habe nicht allein religiösen Führern, sondern auch säkular gesinnten Militärs und Politikern dazu gedient, ihre Herrschaft zu verewigen und tiefgreifende Veränderungen als Teufelswerk erscheinen zu lassen, vor allem westliches. Angesichts der Ereignisse in der Region fragen viele: Wird die Zeit in Arabien jetzt entsiegelt? Ist der Geist, um bei einem orientalischen Bild zu bleiben, endgültig aus der Flasche, oder sind die Herrscher noch immer imstande, ihn in das Gefäß zurückzustoßen?

          Die arabische Revolution, von der jetzt die Rede ist, kam vielleicht nicht so überraschend, wie man glauben mag. Schon in den achtziger Jahren erschütterten „Brotunruhen“ einige Länder der Region, allen voran Tunesien und Algerien. Dort folgte bald ein blutiger Bürgerkrieg mit 130.000 Toten. Auch diesmal, im vorigen Dezember, gingen die Demonstranten zunächst in der tunesischen Provinz auf die Straße, weil sie ihre Lebensbedingungen unerträglich fanden. Auch in Algerien und Ägypten war von Beginn an Unzufriedenheit mit den Preisen für Mehl, Brot, Getreide, Zucker eine der Grundlagen für den Protest. Ebenso im Jemen.

          Doch die Freiheit ist das Brot des Geistes. Rufe nach weiter gesteckten Zielen, nach einem Regimewechsel, erschollen bald, nach Freiheiten wie in Europa – sein Leben individuell gestalten zu können, sagen und lesen zu können, was man will, ohne in die Fänge der Geheimdienste zu gelangen, nach demokratischer Mitsprache in der Politik. Dies wurde die Essenz der Jasmin-Revolution in Tunis. Dass der seit fast einem Vierteljahrhundert amtierende Autokrat Zine al Abidine Ben Ali so rasch die Waffen streckte, überraschte dann doch viele. Sein Geld war ihm offenbar lieber als die Macht.

          Domino-Effekt: Aufstände wie hier in Tunesien breiten sich über die arabische Welt aus

          Die Ereignisse in Ägypten, die von weit wichtigerer Bedeutung für die arabische Revolution sein werden als die tunesischen, sind das Ergebnis einer Ansteckung. Schon die manipulierten Wahlen im November und Dezember hatten zwar den Unmut vieler verstärkt, und es folgte die Bluttat von Alexandria, der Anschlag auf eine koptische Kirche. Wer jetzt noch nicht wusste, in welchem Zustand das sklerotische Mubarak-Regime war, erfuhr es nun. Doch vor allem die Blogger trugen es weiter.

          Domino-Effekt bei den Nachbarn

          Wie in Tunis gingen auch in Kairo keine Putschisten in Stellung, um das Staatsoberhaupt abzusetzen, und nicht religiöse Eiferer skandierten „Tod dem Pharao!“ – etwa nach iranischem Muster unter dem Ajatollah Chomeini. Es waren vielmehr zivile, westlich gekleidete Studenten, Angestellte, auch zahlreiche junge Frauen, die, dem tunesischen Beispiel folgend, auf dem zentralen Tahrir-Platz Kairos zusammenkamen und ein Ende des Regimes forderten. Doch sie wollten und wollen mehr: Nach dem Abtritt des Präsidenten soll echte Demokratie einziehen. Und die Ansteckung setzt sich fort. Demonstrationen, zumindest, gab es in Algerien, Sudan, Jordanien und im Jemen. In Syrien und auch in Marokko rechnet man damit, dort haben Oppositionelle dazu aufgerufen. Von einem Domino-Effekt wurde schon gesprochen, der die gesamte Region in den Mahlstrom der Freiheitsbewegung reißen werde.

          So unterschiedlich die Länder Nordafrikas und des Nahen Ostens auch sein mögen, so ähnlich sind jedoch oft ihre Mängel und Defekte. Ihre Herrscher regieren seit Jahrzehnten, ihre Systeme sind starr und nur mit aufgeblähten Polizeiapparaten oder der Armee aufrechtzuerhalten. Die sozialen Probleme und mit ihnen die Spannungen nehmen zu. Die Bevölkerungen wachsen unaufhörlich, der Anteil junger Menschen ebenso. Für sie gibt es zu wenige Wohnungen, Ausbildungs- und Arbeitsplätze.

          Verwaltung des Mangels

          In Tunesiens Nachbarland Algerien wird darüber schon seit vielen Jahren geklagt. Die Bevölkerung hat sich seit der Unabhängigkeit im Jahre 1962 verdreieinhalbfacht von neun Millionen auf über dreißig Millionen. Seither herrscht ununterbrochen die Nationale Befreiungsfront (FLN), seit 1999 Abdelaziz Bouteflika. Der aber war auch schon im Befreiungskampf dabei, der fünfzig Jahre zurückliegt. Ihn stützt das Militär. Von einem solchen Regime gehen keine Innovationen aus, allenfalls die Verwaltung des Mangels.

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