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Antisemitismus : Frankreichs Juden zieht es nach Israel

Im Vergleich zu den Franzosen haben es die „Anglos“ aus Großbritannien und den Vereinigten Staaten leichter. Ihre Minderheit ist viel größer als die der Franzosen. Mit Englisch können sie im israelischen Alltag am Anfang gut zurechtkommen, bis sie genug Hebräisch gelernt haben. Mit den Franzosen teilen sie das Befremden über die oft sehr direkten Umgangsformen. Er habe sich daran gewöhnen müssen, dass Israelis das hebräische Wort für „Merci“ sehr selten benutzten. Dafür ist den älteren Einwanderern aus Frankreich die neue Umgebung nicht ganz fremd. Massiahs Eltern stammen aus Tunesien und Marokko. Viele Juden zogen erst nach Frankreich, als ihre nordafrikanischen Heimatstaaten unabhängig wurden. „Frankreich war für sie oft nur ein Vorzimmer für Israel“, sagt Calev Massiah.

Israels Brain gain

In die israelische Elite haben sich bisher nur wenige Franzosen hochgearbeitet. Prominente Politiker aus Frankreich gibt es bisher nicht, dafür einen jungen Vorzeigeunternehmer: Michael Golan wurde 1978 in Paris als Michaël Boukobza geboren. Vor sieben Jahren kam er nach Israel. Mit seiner Firma Golan Telecom jagt er seit zwei Jahren den etablierten Mobilfunkunternehmen erfolgreich Marktanteile ab. Andere junge Franzosen brauchen nach ihrer Ankunft erst einmal Starthilfe. „Wenn sie in Israel Harvard hören, ist alles bestens. Ich kam mit einem Abschluss der Pariser
Sciences-Po hierher. Damit konnte niemand etwas anfangen“, sagt Mickael Bensadoun, der daraufhin noch einen Doktortitel in Israel erwarb. Die Absolventen der französischen Grandes Ecoles haben zu kämpfen, weil ihre Elitehochschulen in Israel kaum jemand kennt. Ärzte haben es noch schwerer. Obwohl Ärztemangel herrscht, werden ihre französischen Abschlüsse nicht anerkannt. Heute leitet Mickael Bensadoun die Organisation „Gvahim“, die hochqualifizierten jungen Einwanderern zur Seite steht, die mittlerweile aus der ganzen Welt kommen. „In Frankreich hatten sie ihr eigenes Netzwerk, das ihnen half. Hier versuchen wir es zu sein“, sagt Bensadoun. Israelis kennen sich aus ihrer Schulzeit und können später besonders auf die Kontakte bauen, die sie während ihres langen Militärdienstes knüpfen.

„Gvahim“ hilft dabei, Kontakte zu israelischen Unternehmen herzustellen, und verfügt über einen kleinen „Inkubator“ für junge Unternehmensgründer. Für unsichere Interessenten, die sich erst vorsichtig vortasten, organisiert die Organisation Praktika in Israel, damit sie herausfinden können, wie sie sich in dem Land fühlen. Andere bringen gleich ihre Kinder mit, weil sie befürchten, dass in Frankreich alles nur noch schlechter wird. Für Israel bedeuten solche sehr motivierten und gut ausgebildeten Einwanderer einen „Brain gain“, meint Bensadoun. Er spielt damit auf den „Brain drain“ an, unter dem auch Israel leidet, weil immer mehr Wissenschaftler und andere Spitzenkräfte ins Ausland abwandern.

Jean Franois hat nur gut ein Jahr gebraucht, um ganz in Israel anzukommen. In einem Tel Aviver Straßencafé im Szeneviertel Florentin genießt er die Wintersonne. Der 32 Jahre alte Franzose hat um die Ecke eine Wohnung gefunden und eine Stelle bei Hewlett Packard Indigo, einem internationalen Unternehmen, das digitale Drucker herstellt. „Wenn es um Arbeitsmöglichkeiten geht, gibt es in Tel Aviv mittlerweile fast mehr Chancen als in Paris. Hier tut sich so viel. Besonders bei den Start-up-Firmen“, sagt der Absolvent der angesehenen Wirtschaftshochschule ESCP.

Jean Franois hätte auch anderswo auf der Welt Arbeit finden können. Zuletzt arbeitete der Marketingfachmann bei einem großen Konsumgüterproduzenten in der Schweiz. Aber der Sohn aus einer gut integrierten jüdischen Familie aus Paris fühlte sich schon seit langem Israel besonders verbunden. „Als ich jung war, war ich in der Jugendarbeit in der jüdischen Gemeinde aktiv. Als ich hierherkam, hatte ich mich schon zu 99 Prozent entschieden, dass ich bleiben wollte. Aber ich wollte mir ganz sicher sein“, sagt Jean Franois. Er lernte Hebräisch und kehrte noch einmal nach Paris zurück, um seinen Entschluss ein letztes Mal zu überdenken. Jetzt führt er schon seine ersten Kundengespräche auf Hebräisch, auch wenn er froh darüber ist, dass auf wichtigen Sitzungen in der Firma Englisch gesprochen wird. Mit einem Schmunzeln berichtet er von seinen ersten Monaten im neuen Job: „In Europa galt ich unter meinen Kollegen als hart und energisch. In Israel nahm man mich zur Seite und sagte mir, ich würde zu weich auftreten, um ernstgenommen zu werden.“

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