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Antisemitismus : Frankreichs Juden zieht es nach Israel

In Frankreich nicht mehr willkommen

Doch die jüdische Bevölkerung fühlt sich darüber hinaus in Frankreich nicht mehr willkommen. Dreißig Prozent der Juden, die der israelische Professor befragte, berichteten von antisemitischen Anfeindungen, die sie am eigenen Leib erfahren hatten. Besonders traumatisch war dabei offenbar das Massaker, das im März 2012 der aus Algerien stammende Mohamed Merah an der jüdischen Schule in Toulouse angerichtet hatte. Ein Lehrer und drei Schüler waren damals getötet worden. Der israelische Staatspräsident Schimon Peres sprach danach von einem „Wendepunkt“. Viele haben auch die Entführung des jungen Juden Ilan Halimi nicht vergessen, der 2006 kurz nach seiner Freilassung an den Folgen wochenlanger Folterungen starb. Das Vertrauen in den französischen Rechtsstaat hat unter den zahllosen antijüdischen Verunglimpfungen und tätlichen Übergriffen, die im Jahresbericht des Dachverbandes „Repräsentativrat der jüdischen Institutionen“ (Crif) dokumentiert sind, gelitten.

„Bei den Auswanderern gibt es ein Bündel von Motiven. Antisemitismus spielt dabei genauso eine Rolle wie die Suche nach der eigenen jüdischen Identität und die schlechte wirtschaftliche Lage in Frankreich“, beobachtet Erik Cohen. Da sich die Situation in Frankreich nicht so schnell ändern wird, erwartet der israelische Wissenschaftler, dass die Zahl der jüdischen Auswanderer weiter zunehmen wird. Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat sie schon eingeladen: „Kommen Sie nach Israel“, forderte er sie während seines Frankreich-Besuchs im vergangenen Jahr auf.
Die französischen Juden haben ein besonderes Verhältnis zur israelischen Regierung, was unter anderem daran liegt, dass eine große Mehrheit Verwandtschaft in Israel hat. Seit Beginn der zweiten Intifada hat sich der Dachverband Crif klar auf die Seite der israelischen Regierung geschlagen. Als der am 11. Januar verstorbene frühere israelische Ministerpräsident Ariel Scharon im Jahr 2004 die französischen Juden eingeladen hatte, nach Israel überzusiedeln, nahm der Crif-Präsident Scharon vor den empörten Reaktionen der französischen Staatsführung in Schutz. Auch die derzeitige Crif-Führung gilt als energischer Unterstützer des israelischen Ministerpräsidenten und seiner Likud-Partei. Netanjahus Regierung will die Zahl der französischen Einwanderer jedes Jahr verdoppeln. Würden nicht aus Nordafrika weiter jüdische Familien nach Frankreich kommen, dann wäre bald von der zweitgrößten jüdischen Gemeinde in Europa mit mehr als einer halben Million Mitgliedern nicht mehr viel übrig. Schon heute zieht es besonders viele Juden nach Israel, die in Frankreich das Rückgrat der jüdischen Gemeinden bildeten und das religiöse Leben aufrechterhielten.

Diese frommen Auswanderer zieht es in die heilige Stadt Jerusalem. Im Bistro „Franck Delights“ tragen viele Männer eine kleine Kippa auf dem Kopf, mit der sie sich als gläubige Juden kenntlich machen. Die meisten Franzosen lassen sich lieber an der Küste nieder. Rentner kauften sich früher an der Cote d’Azur eine Wohnung. Heute setzen sich diejenigen, die es sich leisten können, am Mittelmeer in Netanja, Aschdod oder Aschkelon zur Ruhe. Der größte Teil der französischen Einwanderer ist jedoch jung und ehrgeizig, wie der Jerusalemer Kellner Calev Massiah. Alle haben ein großes Problem gemeinsam: „Die meisten können nur Französisch. Man muss sich einfach überwinden und trauen, Hebräisch zu sprechen“, sagt Massiah.

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