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Anschlag in Jerusalem : Die Angst vor den einsamen Wölfen

Israelische Rettungssanitäter bergen eine Leiche nach dem Angriff im Jerusalemer Stadtteil Har Nof. Bild: Getty

In Jerusalem dreht sich die Gewaltspirale weiter. Die israelischen Sicherheitsbehörden müssen sich auf einen Feind einstellen, den sie nur schwer einschätzen und stoppen können: Palästinensische Einzeltäter.

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          Das Morgengebet ist fast vorüber, als Schüsse und „Allahu akbar“-Rufe durch die Synagoge im Nordwesten Jerusalems hallen. Zwei Palästinenser stürmen herein und hieben mit Messern und Äxten auf die Betenden ein. Die beiden Angreifer, Ghassan und Udai Abu Dschamal, Cousins aus dem arabischen Ostteil Jerusalems, richten ein Blutbad an. Sie werden von den anrückenden Polizisten erschossen. Er sei schon an viel schlimmeren Anschlagsorten gewesen, sagt Jehuda Meschi Zahav. Doch der Anblick der frommen Männer, in ihre weißen Schals gehüllt, die ledernen Gebetsriemen um ihre Arme geschlungen, die in ihrem eigenen Blut lagen, hat ihn schockiert, wie kaum etwas zuvor.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          „Ähnliches haben wir zuletzt während des Holocaust gesehen“, sagt der Vorsitzende der Hilfsorganisation Zaka, dessen Mitarbeiter in der Synagoge penibel genau nach den kleinsten sterblichen Überresten der Opfer suchen, egal wie klein sie auch sein mögen. Nichts soll unbestattet bleiben; so schreibt es das jüdische Religionsrecht vor. Selbst der breiten Blutspur, die aus dem Gebetssaal bis zum Eingang führt, nehmen sich die Zaka-Mitarbeiter an. Sie treffen schon kurz nach den Sanitätern in dem Stadtteil ein, der nicht weit von der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem entfernt liegt.

          Seit Oktober haben diese ehrenamtlichen Helfer so viel zu tun wie seit der zweiten Intifada nicht mehr: Am Montagmorgen steigt die Zahl der jüdischen Israelis auf zehn, die bei der Serie der jüngsten Anschläge ums Leben kamen. Es ist das verlustreichste Attentat in Jerusalem seit mehr als sechs Jahren. Alle vier Betenden, die am Dienstagmorgen getötet wurden, waren Rabbiner und wohnten in einer Straße. In Jerusalem, Tel Aviv und im Westjordanland hatten sich die Attentate bisher auf Straßenbahn- und Bushaltestellen konzentriert. Umso größer war das Entsetzen, dass die beiden arabischen Angreifer nicht davor zurückschreckten, eine Synagoge zu stürmen. Völlig ungeschützt liegt der Gebäudekomplex aus hellem Stein im Viertel Har Nof am nordwestlichen Rand Jerusalems – weit entfernt von der unsichtbaren Grünen Linie zwischen dem arabischen Ostteil und dem jüdischen Westen.

          Angst vor Vergeltung wächst

          Es ist ein ruhiges Neubauviertel, das vor allem für seine frommen Bewohner bekannt ist. Der frühere Oberrabbiner Ovadia Josef, der später die strenggläubige Schas-Partei gründete, war hier zu Hause. Viele Juden verehrten den im vergangenen Jahr gestorbenen Josef wie einen Heiligen. Der heutige Schas-Vorsitzende Arie Deri geht ab und zu in der Synagoge beten, in der das Blutbad angerichtet wurde. „Das sind keine Einzelfälle mehr. Wir stehen im Krieg“, sagt Deri über die Eskalation der vergangenen Tage. Der Angriff während des Morgengebets weckt traumatische Erinnerungen: Im März 2008 tötete ein palästinensischer Schütze in einer nationalreligiösen Talmud-Schule acht Studenten; sie liegt nicht weit vom der Synagoge in Har Nof entfernt.

          Es war nicht das erste Massaker an einem religiösen Ort. Im Februar 1994 hatte der jüdische Terrorist Baruch Goldstein in Hebron am Grab der Propheten 29 betende Muslime erschossen. Es kam zu bürgerkriegsähnlichen Zusammenstößen mit zahlreichen weiteren Toten. In Israel wächst jetzt die Sorge, dass jüdische Extremisten Vergeltung für den Angriff auf die Synagoge üben könnten – ähnlich wie im Juli. Damals rächten drei von ihnen den Tod der im Westjordanland entführten jüdischen Religionsstudenten mit dem Mord an einem jungen Palästinenser in Ostjerusalem. Das setzte die Spirale der Gewalt in Gang, die seitdem kein Ende findet.

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