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Anschlag in Ägypten : Kehrt der Terror gegen Touristen zurück?

  • -Aktualisiert am

Anfang einer „neuen Phase“? Nach dem Anschlag in Taba Bild: dpa

Ägyptische Sicherheitskräfte befürchten nach dem jüngsten Anschlag eine neue Welle der Gewalt auf der Sinai-Halbinsel. Das Auswärtige Amt sprach eine Reisewarnung für den Badeort Taba aus.

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          Der Anschlag auf einen Reisebus in Taba weckt in Ägypten böse Erinnerungen. Vor zehn Jahren tötete ein Selbstmordattentäter in dem Badeort am Roten Meer 31 Touristen, unter ihnen zwölf Israelis. Es war der Beginn einer Anschlagserie, die 2005 mit der Explosion dreier Bomben in Scharm al Scheich, die 88 Feriengäste töteten, ihren blutigen Höhepunkt erreichte. Erst nach dem Anschlag von Dahab 2006, bei dem 23 Touristen getötet wurden, ebbte die Gewalt in den Badeorten am Roten Meer ab.

          Nun fürchten Reiseveranstalter eine Rückkehr des Terrors gegen Zivilisten auf der Sinai-Halbinsel, nachdem sich Anschläge in den vergangenen Monaten vor allem gegen Sicherheitskräfte gerichtet hatten. Das Auswärtige Amt in Berlin sprach eine Reisewarnung für den BAdeort Taba aus.

          Zwar bekannte sich zunächst keine Organisation zu dem Anschlag am Grenzübergang Taba zu Israel, bei dem am Sonntag drei Südkoreaner und der ägyptische Busfahrer getötet wurden. Terrorismusexperten in Kairo sprechen jedoch von einer „neuen Phase“ im Kampf von Streitkräften und Polizei gegen Dschihadistengruppen wie Ansar Beit al Maqdis (ABM): Nach Anschlägen auf Sicherheitskräfte und Gasleitungen auf dem Sinai rückten nun Reiseorte ins Visier der Terroristen. Anschläge auf die Touristenhochburgen des Landes sind Gift für die ohnehin am Boden liegende ägyptische Wirtschaft, die dringend auf ausländische Besucher angewiesen ist. Für die Al Qaida nahe stehende Terrororganisation hingegen sind es Erfolge, die ihr Ziel, das Regime Militärmachthabers Abd al Fattah al Sisis zu schwächen, weiter voranbringen.

          Seit dem Sturz des islamistischen Präsidenten Muhammad Mursi im Sommer vergangenen Jahres hat sich ABM zu etlichen Anschlägen auf Militärkontrollpunkte und Polizeistationen auf der Sinai-Halbinsel bekannt. Mit den Angriffen auf die Polizeihauptquartiere in Mansura an Heiligabend 2013 und in Kairo Ende Januar weitete die auf 2000 bis 3000 Mann geschätzte Gruppe ihre Operationen auf das Festland aus. Der ägyptische Terrorismusexperte Ismail Alexandrani sagt, dass der Repressionskurs des Sisi-Regimes den Dschihadisten „das ideale Klima zum Rekrutieren“ neuer Kämpfer biete: Ein weiteres Erstarken terroristischer Gruppen wie in den 1980er und 1990er Jahren, als militante Islamisten in der verarmten Provinz Oberägyptens einen Feldzug gegen staatliche Einrichtungen führten, könne nicht ausgeschlossen werden.

          Hochwertige Waffen

          Erst die harsche Repressionswelle des Mubarak-Regimes, das 1981 die Nachfolge des von der bewaffneten Gamaa al Islamija getöteten Präsidenten Anwar al Sadat antrat, zwang große Teile des islamistischen Lagers zu einer Abkehr von der Gewalt. Dieser Trend scheint sich nun umzukehren: Mit der Entscheidung der Sisi-Regierung im Dezember, die Muslimbruderschaft zur „terroristischen Organisation“ zu erklären, werden Zehntausende Islamisten in den Untergrund gedrängt, die sich noch vor kurzem auf die rudimentären Regeln der fragilen ägyptischen Demokratie eingelassen hatten. Allein am dritten Jahrestag des Revolutionsbeginns gegen Husni Mubarak am 25. Januar wurden mehr als tausend Menschen verhaftet.

          Dass das Ferienparadies Sinai wie vor zehn Jahren zum Aufmarschgebiet islamistischer Terrororganisationen werden konnte, hängt nicht nur mit der traditionellen Vernachlässigung der Region durch die Zentralregierung in Kairo zusammen. Seit dem Sturz Mubaraks im Februar 2011 haben von der palästinensischen Hamas unterstützte Gruppen die bröckelnde Sicherheitspräsenz an der Grenze zu Israel und dem Gazastreifen dazu genutzt, das von ihr kontrollierte Territorium auszudehnen. Im Bündnis mit lokal ansässigen Beduinen wurden Waffen-, Menschen- und Drogenschmuggel in bislang ungekanntem Ausmaß ausgeweitet.

          Entlang der Mittelmeerküste gelangten zudem Tonnen hochwertiger Waffen aus den Beständen des früheren libyschen Machthabers Muammar al Gaddafi in die Gegend rund um die Provinzhauptstadt al Arisch im Nordosten der Halbinsel. Auch aus dem Jemen und Sudan erreichen Militärgüter die gut ausgebildeten Kämpfer. Im vergangenen Juli begann die Armee ihre Offensive „Wüstensturm“, um die Angriffe gegen Kontrollpunkte und Militärbasen zu beenden, die unmittelbar nach dem Sturz Mursis begonnen hatten. Bis Januar verübten Terrorgruppen mehr als 250 Angriffe gegen die Sicherheitskräfte. Bei Gegenschlägen wurden Dutzende Kämpfer und Zivilisten getötet.

          Der Abschuss eines Armeehubschraubers mit einer Bodenluftrakete an der Grenze zum Gazastreifen Ende Januar zeigt, dass die Dschihadisten inzwischen über hochentwickelte Waffen verfügen. Der Anschlag auf Innenminister Muhammad Ibrahim im vergangenen September sowie die Ermordung seines Bürochefs im Januar sind Belege für die erweiterten operativen und logistischen Fähigkeiten des ABM-Netzes. In westlichen Sicherheitskreisen in Kairo geht man davon aus, dass die Anschläge auf die Polizeihauptquartiere von Mansura und Kairo akribisch vorbereitet gewesen sein müssen – möglicherweise mit Hilfe von sympathisierenden Stellen im Sicherheitsapparat. Im internationalen Dschihad erfahrene Kader aus Pakistan, dem Jemen, Saudi-Arabien und Syrien sind demnach zu Ansar Beit al Maqdis gestoßen, deren Führung sich seit dem Sturz Mursis ermächtigt sieht, das neue Regime mit allen Mitteln zu bekämpfen.

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